Ready Player One 01: Wird 2044 ein Scheißjahr?

Das Bild zeigt eine Gegenüberstellung zweier verschiedenfarbiger Rechtecke, jeweils mit der Beschriftung "2044". Eins ist grau und eins ist rosa. Ready Player One hätte sein 2044 auch positiv zeichnen können

Möglicherweise liest jemand im Jahr 2044 diesen Text und straft ihn Lügen: „Doch. Es ist wirklich so schlimm wie im Jahr 2044 des Romans ‚Ready Player One‘. Es ist alles so gekommen. Wir haben viele Kriege, Krisen und Naturkatastrophen erlebt. Das Öl ist uns ausgegangen, wir sind alle arbeitslos und mussten unsere Wohnwagen stapeln.“ In vielerlei Hinsicht blickt ‚Ready Player One‘ äußerst pessimistisch auf die Zukunft, häufig aus den falschen Gründen. Wird 2044 denn wirklich so ein Scheißjahr? Dieser Artikel sagt „Mut zur Utopie!“ und baut die Dystopie ‚Ready Player One‘ um. Der Artikel ist jedoch keine Rezension. Er nimmt den Roman ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

„The Once great Country into which I’d been born now resembled its former self in name only.“Wade Watts

So spricht Protagonist Wade über die Vereinigten Staaten von Amerika, als es um anstehende Wahlen geht. Eine Wahl ändere in der realen Welt nichts mehr, das „einst großartige Land“ sei nun dem Untergang geweiht. Die Zukunft, die Ready Player One zeichnet, ist tatsächlich sehr düster. Kriege und Naturkatastrophen haben die Welt zersetzt, fossile Brennstoffe sind knapp. Menschen in Armut müssen in aufeinander gestapelten Wohnwagen leben. Um dieser Realität zu entfliehen, spielt ein Großteil der Bevölkerung das Virtual-Reality-Spiel OASIS, in dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Ein großer Contest wird mit dem Tod des Lead Designers James Halliday ins Leben gerufen: Im Spiel ist ein Schatz versteckt. Wer diesen findet, erbt den gesamten Besitz des Milliardärs.

OASIS vs. 2044: Utopie in der Dystopie

Es ist nicht unproblematisch, dass der Roman OASIS als erstrebenswerte Utopie für Spielerinnen und Spieler inszeniert (was es nicht ist), während das Spiel in eine fiktive Dystopie eingebettet ist. In der Handlung des Romans ist nur das Fortbestehen der alternativen Realität gefährdet. Die eigentliche Realität scheint ohnehin bereits verloren, aber Hauptsache der OASIS geht’s gut. Dabei hätte das Jahr 2044 eigentlich das Zeug zur Utopie gehabt. Ein paar technologische Voraussetzungen stellt der Roman dafür ganz eigenständig: Autonom fahrende Autos? Yep. Busse mit Elektromotoren? Mhm. Eine Post, in der kein Mensch mehr arbeitet? Möglich. Unbemannte Privatjets? Ambitioniert, aber okay.

Elektromotoren sind jetzt schon mutmaßlich besser als in dem fiktiven Jahr 2044.

Die damit einhergehende, massenhafte Arbeitslosigkeit ist eine Folge davon, muss aber keine Tragödie sein. Mit arbeitenden Robotern könnte die Wirtschaft weiterhin blühen und Menschen müssten weniger arbeiten. Es entstünden womöglich neue Jobs, die mehr Erfüllung versprechen. Außerdem ist es sehr pessimistisch, anzunehmen, dass die Politik wie in Ready Player One nie gescheit auf die Arbeitslosigkeit reagiert hat. Denn in dem Roman wird die Bevölkerung mit knapp bemessenen Lebensmittelmarken abgespeist. Ein Grundeinkommen wäre ein logischer Schritt. So würde eine überwiegend hungernde Bevölkerung, die mit Privilegien aufgewachsen ist, der Regierung auch nicht aufs Dach steigen. Fossile Brennstoffe werden zudem weitgehend unwichtiger. Elektromotoren sind schon jetzt mutmaßlich besser als in dem fiktiven Jahr 2044, das Ready Player One im Jahr 2011 zeichnete.

Ready Player One: Schoolhouse Mock

In vielerlei Hinsicht ähnelt die Vision obendrein viel zu sehr der Gegenwart. Die Schule in Ready Player One ist das beste Beispiel dafür. Hier loggt man sich zu festen Schulzeiten in die OASIS ein, sitzt in einer Klasse vor einem Lehrer (eine reale Person) und erhält Frontalunterricht. Die Schule ist im Roman also im Grunde ein stinknormaler Campus. Hier existiert noch immer Gruppenbildung und hierarchisches Mobbing wie in der gegenwärtigen realen Welt. Der große Unterschied: Man kann das Mobbing stumm schalten. Es ist also immer noch da, man hört es nur nicht mehr.

Die Grundidee, Schule ein Stück weit in die virtuelle Welt zu verlagern, ist eigentlich gar nicht so schlecht. Doch ein Duplikat des Schulsystems in digitaler Form ist an mangelnder Kreativität kaum zu überbieten. Dabei bietet die OASIS das perfekte Umfeld für kreative Lernspiele, die nicht an Schulzeiten und Lehrkräfte gebunden sind. Diese Spiele wären so gut, dass Schülerinnen und Schüler von sich aus lernen wollten. Sie erlernten darin selbstständig und nach eigener Geschwindigkeit, kreative Lösungsansätze für Probleme zu finden. Kooperatives Gameplay mit anderen könnte die soziale Komponente fördern.

Spiele OASIS und ich sag dir, wer du bist

Gaming wird immer wichtiger werden, im Jahr 2044 wird fast jeder spielen.

Auch für die Bevölkerung der OASIS und damit die Geek- und Nerdkultur hat Ready Player One eine eher ernüchternde Vorhersage. Zwar verbringt nahezu jeder Mensch in dem Roman seine Freizeit in der OASIS. Diejenigen, die sich jedoch an dem großen Contest der Haupthandlung des Romans beteiligen, ähneln demographisch dem Bild, das gegenwärtig gerne gezeichnet wird: Überwiegend weiße Männer. Ein paar Asiaten sind auch dabei, die sind aber als Samurais verkleidet, na klar. Wenn Wade auf die weibliche Art3mis trifft, die sich an dem Contest beteiligt, befürchtet er, dass es sich in der Realität um einen 50-jährigen, übergewichtigen Mann namens Chuck handeln könnte, der im Keller seiner Mutter wohnt. Dabei besitzt in den USA schon jetzt ein Großteil der Haushalte eine Spielkonsole und Spielerinnen machen etwa die Hälfte der Spielerschaft aus. Gaming wird immer wichtiger werden, im Jahr 2044 wird fast jeder spielen.

Spoiler ausklappen
Aech, ein weißer und männlicher Avatar, stellt sich zum Ende hin als homosexuelle schwarze Frau heraus. Das macht den Roman zwar diverser, seine Vision aber umso düsterer. Die Mutter von Aech brachte ihr bei, dass die OASIS das Beste sei, was People Of Color je passiert sei. Das ist ein trauriges Statement, da es sich darauf bezieht, dass diese sich als weiße Männer ausgeben können. Die Vermutung, dass Frauen und People Of Color im Jahr 2044 noch immer eklatante Benachteiligungen erfahren, ist wohl einer der pessimistischsten Aspekte der Zukunftsvision.

Ready Player Everyone

Die Spielelandschaft wird immer diverser und barrierefreier werden.

Dass wie in Ready Player One die meisten eher chatten, während eine verhältnismäßig kleine Gruppe sich an dem Contest beteiligt, mag einigen elitären Gamern von heute sehr zusagen. Doch die Spielelandschaft wird sich dagegen entwickeln und immer diverser und barrierefreier werden. Frauen, People Of Color, Menschen mit Behinderungen sowie die LGBTQI-Community werden viel stärker vertreten sein. Der Contest wird nicht nur attraktiv für verschrobene Nerds sein, sondern ein ähnlich wichtiges Ereignis wie die Fußball-WM oder der Superbowl heute. (Zwar bekommt der Contest im Roman durchaus zu Anfang die entsprechende Aufmerksamkeit aufgrund des hohen Preisgeldes, verschwindet aber nach einigen Jahren in der Nerd-Nische.)

Wege in die Utopie 2044

Die Utopie 2044 wird aber natürlich nicht einfach so geschehen. Es gibt durchaus Stolpersteine, die Menschen bis dahin beachten und überwinden müssen. Ready Player One sieht die Probleme nur an den falschen Stellen. Kriege zwischen Staaten kommen bei weiterer Vernetzung immer seltener vor, immer weniger Menschen sterben durch Naturkatastrophen und fossile Brennstoffe werden immer unwichtiger.

Natürlich kann es gut sein, dass der Himmel uns aufgrund des Klimawandels auf den Kopf fällt. Dagegen braucht es weiterhin eine vorwärts gewandte Vorgehensweise. Der tendenziell menschenfeindliche Rechtsruck, eine erzkonservative Politik und die Einschränkung von Grundrechten sind jene Nuancen, die einen Fortschritt in dieser Hinsicht blockieren könnten. Einfach so von einer fatalen Zukunftspolitik auszugehen, ist jedoch kontraproduktiv. Denn in der wirklichen Welt ist zumindest davon auszugehen, dass Wahlen tatsächlich noch etwas bewirken. Ready Player One gibt die Demokratie dagegen einfach auf. Und da liegt das eigentliche Problem begraben.

It didn’t matter who was in charge. Those people were rearranging chairs on the Titanic and everyone knew it.Wade Watts

Während die Bildung, Gesundheit und die Sicherheit global immer besser wird, leben tendenziell mehr Menschen in Autokratien als noch vor einigen Jahren. Mit eingeschränkter Presse- und Meinungsfreiheit wäre eine OASIS, die vom Staat unberührt bleibt, gar nicht möglich. Wenn Ready Player One unbedingt eine Dystopie sein musste, hätte es eine sein können, in der Kunst-, Presse und Meinungsfreiheit bedroht wäre. Oder es hätte durchaus Mut zur Utopie beweisen können, in der eine utopische virtuelle Realität mit der utopischen Realität konkurrieren müsste.