Kategorie: Melancholumne

Der traurige Klaus und die Komik des Bo Burnham

Bob Burnham als trauriger Clown vor einer grauen Mauer

Komik und Tragik liegen häufig so nah bei einander wie eine rote Nase und ein Alkoholikergesicht. Traurige Clowns sind zumindest in der internationalen Comedy-Szene keine Seltenheit. Diese Spaßvögel haben verstanden, dass es am besten ist, die Tragik nicht allzu sehr zu verbergen. Das weiß auch Bo Burnham, der gekonnt diesen Bogen überspannt und sich mitten auf der Bühne abschminkt.

Es war einmal ein Junge namens Klaus. Klaus war immer traurig. Seine Mitschüler wussten das und da Kinder auffallend fantasielos bei der Namensgebung anderer Kinder sind, tauften Tina mit den trockenen Händen, Jonathan Hinkebein und die anderen Klaus auf den Namen: Der traurige Klaus. Klaus war so traurig, dass er selten etwas sagte und so wusste auch niemand, warum er stets so traurig war.

Eines Tages feierte die ganze Schule Karneval. Alle Kinder verkleideten sich und so auch der traurige Klaus. An diesem Tag kam er als Clown verkleidet in die Schule. Die Kinder konnten darüber nicht lachen, denn sie verstanden nicht, wieso sich der traurige Klaus ausgerechnet als Clown verkleidete. Tina ging ja auch nicht als Handmodel und Jonathan nicht als Fußballspieler. Was den Kindern fehlte, war ein wertloses Bachelorstudium der Geisteswissenschaften. Das hätte ihnen vielleicht beibringen können, dass der traurige Clown eine altbekannte Legende ist. Zwar hatte auch Klaus keinen Bachelor, doch er brauchte auch keinen. Er trug die Realität des traurigen Clowns tief in sich.

Der traurige Clown

Die Geschichte vom traurigen Klaus ist wahr, nur die Namen und die Attribute der anderen Kinder sind erfunden. Die Legende vom traurigen Clown stammt von dem Engländer Joseph Grimaldi, der im frühen 19. Jahrhundert seine Glanzzeit als Clown durchlebte. Einer seiner Witze ist den Menschen bis heute gut im Gedächtnis geblieben:

Geht ein Mann zum Arzt und klagt über seine Depressionen. Er könne nicht essen, er könne nicht schlafen. Daraufhin rät ihm der Arzt, Lachen sei die beste Medizin. Er solle einfach zu dem berühmten Clown Grimaldi gehen. Der Mann erwidert verzweifelt: „Aber ich bin doch der Clown Grimaldi!“Joseph Grimaldi

Klaus war vielleicht von allen in der Klasse der größtmögliche Klassenclown. Denn von den bekanntesten englischsprachigen Comedians wissen wir, dass einem die besten Lacher im Halse stecken bleiben. Und dass die Comedy sehr oft aus der Tragödie entsteht. Wir lachen und hinterfragen es sofort. Wir lachen und hinterfragen uns selbst. Doch wer sollte es wagen, irgendwann gar nicht mehr witzig zu sein? Wer wagt es, sich abzuschminken, um das wahre Gesicht des traurigen Clowns offen nach außen zu tragen?

Es war einmal ein Junge namens Bo

Wer unermüdlich auf die Suche nach großer Comedy das Internet durchkämmt, stößt irgendwann unweigerlich auf Bo Burnham. Der aufgeweckte Comedian singt am Keyboard, macht politisch inkorrekten Quatsch und scheint es zu lieben, die vierte Wand zu durchbrechen. Wer jedoch stark auf die etwas zurückgelehnten, ruhigeren Comedians eingeschossen ist, die vor allem immer sehr persönlich werden, mag von dem jungen Energiebündel erst einmal abgeschreckt sein.

Bo Burnham kämpft ständig gegen sein Publikum an.

Burnham bietet einen Act voller doppelter Böden, Selbstironie und Distanz zu den eigenen Gags. Dabei ist es vorerst schwierig, zu bestimmen, ob er nun irgendetwas ernst meint. Demnach ist es noch erstaunlicher, wenn sein Act plötzlich kippt, er es dem Publikum einfach sagt und die Hüllen fallen lässt. So fallen diese dadurch doch umso tiefer. In Burnhams Comedy blitzt immer wieder eines hervor: das wahre Gesicht eines tieftraurigen Clowns und die ironische Tragik in jeder Form von Performance. Bo Burnham kämpft ständig gegen sein Publikum an, auch jenseits scherzhafter Beleidigungen.

Am stärksten entfaltet sich dieses Bild am Ende seines letzten Stand-Up-Specials Make Happy, als er in dem Song „Can’t Handle This“ (YouTube-Video) eine Persiflage auf Kanye West in Form einer gesungenen Tirade auf seine Probleme darbietet. Ohne die Witze vorwegzunehmen, sei verraten, dass die Stimmung irgendwann kippt. Burnham kehrt die nackte Realität seines größten Problems hervor und das ist das Publikum selbst. Er verrät dem Publikum ganz offen, dass er mit seinem Job, andere glücklich zu machen, selbst nicht glücklich ist. Er ist der traurige Clown.

Bo Burnham: Performance gegen Performance

Die größte Errungenschaft, die Bo Burnham damit wohl zu erstreben versucht, ist den Traum zu zerstören, den er lebt und dem so viele nacheifern. Er performt gegen Performance, gegen den alltäglichen Drang der Selbstdarstellung. Er ist mit dem Blickwinkel von der Bühne aus einer der besten Kandidaten dafür. Der erfüllte Traum vom großen Ruhm bietet keinerlei Antworten und ist nicht unbedingt der Weg zum Glück. Bo Burnham ist damit einer der vielen lebenden Beweise, dass eine erfolgreiche Karriere und Glückseligkeit nicht automatisch Hand in Hand gehen. Robin Williams ist einer der toten Beweise. Einer der stärksten Sätze, die Burnham in aller Ernsthaftigkeit innerhalb seines Stand-Ups sagt, ist: „Wenn du die Möglichkeit hast, ein Leben ohne Publikum zu führen, dann solltest du das tun.“

Bo Burnham hat sich mittlerweile bis auf weiteres aus der Performance verabschiedet und hat sein Spielfilm-Debüt (Youtube-Video) als Regisseur veröffentlicht. Und was der traurige Klaus gerade so macht? Gute Frage. Wer weiß?