Kategorie: Keine Rezension

Ready Player One 01: Wird 2044 ein Scheißjahr?

Das Bild zeigt eine Gegenüberstellung zweier verschiedenfarbiger Rechtecke, jeweils mit der Beschriftung "2044". Eins ist grau und eins ist rosa. Ready Player One hätte sein 2044 auch positiv zeichnen können

Möglicherweise liest jemand im Jahr 2044 diesen Text und straft ihn Lügen: „Doch. Es ist wirklich so schlimm wie im Jahr 2044 des Romans ‚Ready Player One‘. Es ist alles so gekommen. Wir haben viele Kriege, Krisen und Naturkatastrophen erlebt. Das Öl ist uns ausgegangen, wir sind alle arbeitslos und mussten unsere Wohnwagen stapeln.“ In vielerlei Hinsicht blickt ‚Ready Player One‘ äußerst pessimistisch auf die Zukunft, häufig aus den falschen Gründen. Wird 2044 denn wirklich so ein Scheißjahr? Dieser Artikel sagt „Mut zur Utopie!“ und baut die Dystopie ‚Ready Player One‘ um. Der Artikel ist jedoch keine Rezension. Er nimmt den Roman ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

„The Once great Country into which I’d been born now resembled its former self in name only.“Wade Watts

So spricht Protagonist Wade über die Vereinigten Staaten von Amerika, als es um anstehende Wahlen geht. Eine Wahl ändere in der realen Welt nichts mehr, das „einst großartige Land“ sei nun dem Untergang geweiht. Die Zukunft, die Ready Player One zeichnet, ist tatsächlich sehr düster. Kriege und Naturkatastrophen haben die Welt zersetzt, fossile Brennstoffe sind knapp. Menschen in Armut müssen in aufeinander gestapelten Wohnwagen leben. Um dieser Realität zu entfliehen, spielt ein Großteil der Bevölkerung das Virtual-Reality-Spiel OASIS, in dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Ein großer Contest wird mit dem Tod des Lead Designers James Halliday ins Leben gerufen: Im Spiel ist ein Schatz versteckt. Wer diesen findet, erbt den gesamten Besitz des Milliardärs.

OASIS vs. 2044: Utopie in der Dystopie

Es ist nicht unproblematisch, dass der Roman OASIS als erstrebenswerte Utopie für Spielerinnen und Spieler inszeniert (was es nicht ist), während das Spiel in eine fiktive Dystopie eingebettet ist. In der Handlung des Romans ist nur das Fortbestehen der alternativen Realität gefährdet. Die eigentliche Realität scheint ohnehin bereits verloren, aber Hauptsache der OASIS geht’s gut. Dabei hätte das Jahr 2044 eigentlich das Zeug zur Utopie gehabt. Ein paar technologische Voraussetzungen stellt der Roman dafür ganz eigenständig: Autonom fahrende Autos? Yep. Busse mit Elektromotoren? Mhm. Eine Post, in der kein Mensch mehr arbeitet? Möglich. Unbemannte Privatjets? Ambitioniert, aber okay.

Elektromotoren sind jetzt schon mutmaßlich besser als in dem fiktiven Jahr 2044.

Die damit einhergehende, massenhafte Arbeitslosigkeit ist eine Folge davon, muss aber keine Tragödie sein. Mit arbeitenden Robotern könnte die Wirtschaft weiterhin blühen und Menschen müssten weniger arbeiten. Es entstünden womöglich neue Jobs, die mehr Erfüllung versprechen. Außerdem ist es sehr pessimistisch, anzunehmen, dass die Politik wie in Ready Player One nie gescheit auf die Arbeitslosigkeit reagiert hat. Denn in dem Roman wird die Bevölkerung mit knapp bemessenen Lebensmittelmarken abgespeist. Ein Grundeinkommen wäre ein logischer Schritt. So würde eine überwiegend hungernde Bevölkerung, die mit Privilegien aufgewachsen ist, der Regierung auch nicht aufs Dach steigen. Fossile Brennstoffe werden zudem weitgehend unwichtiger. Elektromotoren sind schon jetzt mutmaßlich besser als in dem fiktiven Jahr 2044, das Ready Player One im Jahr 2011 zeichnete.

Ready Player One: Schoolhouse Mock

In vielerlei Hinsicht ähnelt die Vision obendrein viel zu sehr der Gegenwart. Die Schule in Ready Player One ist das beste Beispiel dafür. Hier loggt man sich zu festen Schulzeiten in die OASIS ein, sitzt in einer Klasse vor einem Lehrer (eine reale Person) und erhält Frontalunterricht. Die Schule ist im Roman also im Grunde ein stinknormaler Campus. Hier existiert noch immer Gruppenbildung und hierarchisches Mobbing wie in der gegenwärtigen realen Welt. Der große Unterschied: Man kann das Mobbing stumm schalten. Es ist also immer noch da, man hört es nur nicht mehr.

Die Grundidee, Schule ein Stück weit in die virtuelle Welt zu verlagern, ist eigentlich gar nicht so schlecht. Doch ein Duplikat des Schulsystems in digitaler Form ist an mangelnder Kreativität kaum zu überbieten. Dabei bietet die OASIS das perfekte Umfeld für kreative Lernspiele, die nicht an Schulzeiten und Lehrkräfte gebunden sind. Diese Spiele wären so gut, dass Schülerinnen und Schüler von sich aus lernen wollten. Sie erlernten darin selbstständig und nach eigener Geschwindigkeit, kreative Lösungsansätze für Probleme zu finden. Kooperatives Gameplay mit anderen könnte die soziale Komponente fördern.

Spiele OASIS und ich sag dir, wer du bist

Gaming wird immer wichtiger werden, im Jahr 2044 wird fast jeder spielen.

Auch für die Bevölkerung der OASIS und damit die Geek- und Nerdkultur hat Ready Player One eine eher ernüchternde Vorhersage. Zwar verbringt nahezu jeder Mensch in dem Roman seine Freizeit in der OASIS. Diejenigen, die sich jedoch an dem großen Contest der Haupthandlung des Romans beteiligen, ähneln demographisch dem Bild, das gegenwärtig gerne gezeichnet wird: Überwiegend weiße Männer. Ein paar Asiaten sind auch dabei, die sind aber als Samurais verkleidet, na klar. Wenn Wade auf die weibliche Art3mis trifft, die sich an dem Contest beteiligt, befürchtet er, dass es sich in der Realität um einen 50-jährigen, übergewichtigen Mann namens Chuck handeln könnte, der im Keller seiner Mutter wohnt. Dabei besitzt in den USA schon jetzt ein Großteil der Haushalte eine Spielkonsole und Spielerinnen machen etwa die Hälfte der Spielerschaft aus. Gaming wird immer wichtiger werden, im Jahr 2044 wird fast jeder spielen.

Spoiler ausklappen
Aech, ein weißer und männlicher Avatar, stellt sich zum Ende hin als homosexuelle schwarze Frau heraus. Das macht den Roman zwar diverser, seine Vision aber umso düsterer. Die Mutter von Aech brachte ihr bei, dass die OASIS das Beste sei, was People Of Color je passiert sei. Das ist ein trauriges Statement, da es sich darauf bezieht, dass diese sich als weiße Männer ausgeben können. Die Vermutung, dass Frauen und People Of Color im Jahr 2044 noch immer eklatante Benachteiligungen erfahren, ist wohl einer der pessimistischsten Aspekte der Zukunftsvision.

Ready Player Everyone

Die Spielelandschaft wird immer diverser und barrierefreier werden.

Dass wie in Ready Player One die meisten eher chatten, während eine verhältnismäßig kleine Gruppe sich an dem Contest beteiligt, mag einigen elitären Gamern von heute sehr zusagen. Es zeigt sich jedoch, dass Ready Player One, wann immer es eine Utopie sein will, noch den Mief der Gegenwart in sich trägt. Die Spielelandschaft wird sich dem jedoch entgegen entwickeln und immer diverser und barrierefreier werden. Frauen, People Of Color, Menschen mit Behinderungen sowie die LGBTQia+-Community werden viel stärker vertreten sein. Der Contest wird nicht nur attraktiv für verschrobene Nerds sein, sondern ein ähnlich wichtiges Ereignis wie die Fußball-WM oder der Superbowl heute. (Zwar bekommt der Contest im Roman durchaus zu Anfang die entsprechende Aufmerksamkeit aufgrund des hohen Preisgeldes, verschwindet aber nach einigen Jahren in der Nerd-Nische.)

Wege in die Utopie 2044

Die Utopie 2044 wird aber natürlich nicht einfach so geschehen. Es gibt durchaus Stolpersteine, die Menschen bis dahin beachten und überwinden müssen. Ready Player One sieht die Probleme nur an den falschen Stellen. Kriege zwischen Staaten kommen bei weiterer Vernetzung immer seltener vor, immer weniger Menschen sterben durch Naturkatastrophen und fossile Brennstoffe werden immer unwichtiger.

Natürlich kann es gut sein, dass der Himmel uns aufgrund des Klimawandels auf den Kopf fällt. Dagegen braucht es weiterhin eine vorwärts gewandte Vorgehensweise. Der tendenziell menschenfeindliche Rechtsruck, eine erzkonservative Politik und die Einschränkung von Grundrechten sind jene Nuancen, die einen Fortschritt in dieser Hinsicht blockieren könnten. Einfach so von einer fatalen Zukunftspolitik auszugehen, ist jedoch kontraproduktiv. Denn in der wirklichen Welt ist zumindest davon auszugehen, dass Wahlen tatsächlich noch etwas bewirken. Ready Player One gibt die Demokratie dagegen einfach auf. Und da liegt das eigentliche Problem begraben.

It didn’t matter who was in charge. Those people were rearranging chairs on the Titanic and everyone knew it.Wade Watts

Während die Bildung, Gesundheit und die Sicherheit global immer besser wird, leben tendenziell mehr Menschen in Autokratien als noch vor einigen Jahren. Mit eingeschränkter Presse- und Meinungsfreiheit wäre eine OASIS, die vom Staat unberührt bleibt, gar nicht möglich. Wenn Ready Player One unbedingt eine Dystopie sein musste, hätte es eine sein können, in der Kunst-, Presse und Meinungsfreiheit bedroht wäre. Oder es hätte durchaus Mut zur Utopie beweisen können, in der eine utopische virtuelle Realität mit der utopischen Realität konkurrieren müsste.

Ready Player One 02: Ist die OASIS ein gutes Spiel?

Die OASIS ist ein System, das nur mit Geld funktioniert. Das Bild zeigt eine VR-Brille mit der Aufschrift "Insert Coin".

Virtual Reality bleibt noch immer hinter den Erwartungen zurück. Eine vielversprechende Technologie, die Immersion verspricht, sicher. Doch die Brillen sind gegenwärtig noch zu teuer und die Spiele nicht gut genug. In der ‚OASIS‘ ist das anders. Das Spiel in dem Roman ‚Ready Player One‘ verspricht die Zukunftsvision eines VR-Spiels, in dem sich fast jeder verliert. Hier können Spielende tun und lassen, was sie wollen. Im Kern steht eine Schnitzeljagd: Wer die popkulturell aufgeladenen Rätsel entschlüsselt und gewinnt, erbt den gesamten Besitz des Lead-Designers James Halliday, inklusive des Spiels. Ein genauerer Blick verrät jedoch, dass die spielerische Utopie gar nicht so rosig aussieht. Denn Spielende von heute würden die ‚OASIS‘ schwer bestrafen. Dieser Artikel ist keine Rezension. Er nimmt den Roman ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

Wade Watts, der Protagonist des Romans Ready Player One loggt sich in die OASIS ein. Damit loggt er sich quasi aus seiner tragischen Existenz als verarmter Teenager in einer Dystopie aus. In der OASIS angekommen, kann er quasi alles machen. Jeden Film gucken, jedes Spiel spielen, Musik hören, Leute treffen – hier sind ihm vermeintlich keine Grenzen gesetzt. Richtig gelesen, vermeintlich. Denn in der OASIS hat es gerade jemand wie Wade Watts schwer. Wade hat nämlich kein Geld in der realen Welt. Die OASIS kostet inklusive Hardware nur 25 Cent, in Anlehnung an den Vierteldollar, den man einst in Arcade-Maschinen in der Spielhalle steckte. Damit ist die OASIS beinahe free-to-play, also so günstig, dass jeder sich Spiel und Gerät leisten kann.

(Un-)Ready Player One: Pay to play

Das Spiel läuft dementsprechend allerdings auch unter pay-to-win: Nur wer Echtgeld in das Spiel reinsteckt, hat die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Transportation kostet Geld, also Teleportation oder auch Treibstoff, falls man sich für Geld ein Raumschiff gekauft hat. Zwar ist es ab einem bestimmten Punkt möglich, diese Ausgaben mit der virtuellen Währung zu bestreiten, die man durchs Spielen verdient. Doch das ist auch nur begrenzt möglich und um dort erst einmal hinzukommen, benötigt es eine Startinvestition.

Grenzen sind programmatisch für dieses Spiel

Auf dem Ausgangsplaneten für Avatare gibt es keine Möglichkeiten, Credits zu sammeln oder seinen Level zu verbessern. Auf anderen Planeten blühen dagegen Fantasy- und Science-Fiction-Welten. Der Herr Der Ringe-, World Of Warcraft– oder Star Trek-Planeten lassen sich in virtueller Realität spielerisch erkunden. Die meisten Oasis-Einwohner scheint das nicht allzu sehr zu interessieren, da sie die OASIS lieber als soziales Netzwerk verwenden. Das ist allerdings erstens ein schwacher Trost für jene, die spielen und sich an dem Contest beteiligen wollen und zweitens auch ein Armutszeugnis für ein Spiel mit unbegrenzten Möglichkeiten. Doch Grenzen sind programmatisch für dieses Spiel in dieser Welt.

OASIS: Bitte Geld einwerfen

Wer mehr Geld hat, hat auch mehr Macht

Die OASIS ist strukturell leider nicht mehr als ein Abbild der dystopischen Realität von Ready Player One. Hier ist die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinandergedriftet, dass die verarmte Mehrheit handlungsunfähig ist. Wer mehr Geld hat, hat auch mehr Macht. Da ist es kaum verwunderlich, dass rund um den Contest auch wirtschaftliche Interessen entstehen und bestens blühen können. Mit Innovative Online Industries (kurz IOI) hat sich eine bezahlte Armee rund um den Contest gebildet. Mit schier endlosen wirtschaftlichen Mitteln kann das Unternehmen Spielende bezahlen sowie Waffen und Fahrzeuge en masse kaufen. Die Soldaten, die sogenannten Sechser, sind im Grunde kein ungünstiges Nebenprodukt des Contest, sondern eine Konsequenz aus schlechtem Design.

„Mit Wissen gewinnst du die halbe Schlacht.“
Wade Watts

Wade hat mit diesem Statement natürlich nicht Unrecht. Der Contest ist auf popkulturellen Rätseln aufgebaut, die ein enormes Wissen abverlangen. Doch erstens gewinnst du mit Geld die andere Hälfte. Und zweitens haben gerade Zusammenschlüsse von Spielenden viel bessere Chancen für den Contest. Da es um viel Geld geht, entsteht keine freudige Community um OASIS, die online Geheimnisse austauscht. In Gruppen jedoch, die sich den Gewinn teilen wollen, arbeitet man zusammen. So hat IOI einen immensen Vorteil gegenüber einem Wade Watts, der alleine vorgeht. Dieser Vorteil heißt Schwarmintelligenz. Die einzige Erklärung, dass die Sechser nicht schon nach kürzester Zeit alle Rätsel geknackt haben, ist nur darin zu finden, dass sie allesamt böse auf den Kopf gefallen sind.

Ready P(l)ayer One

In Anbetracht dieses Gamedesigns kann man davon ausgehen, dass Spielende von heute bei einer Veröffentlichung der OASIS nicht sehr erfreut wären. Zwar verteidigen Fans häufig ihre liebsten Spiele und Spielentwickler vehement vor Kritik. Viele sehen noch immer über Rassismus und Sexismus in der Gamesbranche hinweg. Eine Sache jedoch dulden sie nicht und strafen Spiele mit Boykott: Mikrotransaktionen. Echtgeldkäufe, die im Spiel einen Vorteil bewirken.

Abgesehen vom Contest scheint die OASIS auch kein übergeordnetes Narrativ zu bieten. Es ist zwar immer von Quests die Rede, also Aufgaben, die es zu erledigen gibt. Diese scheinen jedoch nicht wirklich zusammen zu hängen und aus dem bunten Popkultur-Potpourri der OASIS zusammengewürfelt zu sein. Ein Spiel, in dem Spielende alles machen können, hört sich zwar gut an, es fehlt jedoch ein Fokus. Hier könnten Grenzen und Regeln das Spielerlebnis tatsächlich aufwerten. Die Inhalte auf den Planeten, die altbekannte Narrative wie z.B. Der Herr Der Ringe versprechen, stammen nicht von James Halliday selbst, sondern von anderen Entwicklern, die sich dem System der OASIS beugen müssen.

Das wirft auch ein schummriges Licht auf die die Monopolstellung des Spiels. Das zuständige Unternehmen Gregarious Simulation Systems (kurz GSS) flutet mit seiner wirtschaftlichen Übermacht den VR-Markt. Neue Spiele erscheinen demnach innerhalb der OASIS. Andere Systeme scheinen in der Welt von Ready Player One nicht mehr zu existieren. Dagegen wäre ein Spiel, in dem man zu Anfang nur auf einem Planeten leben könnte, der keine Möglichkeiten bietet, sofern man nicht dafür bezahlt, ein guter Anlass, ein anderes Spiel zu spielen.

Ready Player One 03: Personenkult – James Halliday ist doohoof!

James Halliday sei ein großes Genie und ein Gott der Geeks, so sagen seine Fans. Auf dem Bild steht auf dunklem Hintergrund in pinken Großbuchstaben "GENIAL." geschrieben

In der Gameswelt ist eine Konstante gewiss: Der Kult um die Schöpfer. Hideo Kojima, Peter Molyneux, Jonathan Blow, Hidetaka Miyazaki. Scheinbar gottgleiche Männer, die diese Welten erschufen, in denen Fans so gerne Zeit verbringen. Der Roman ‚Ready Player One‘ hat seinen Heiland in James Halliday gefunden. Spieleentwickler des Spiels ‚OASIS‘ und Gott der Nerds. Doch schnell wird klar: Wie alle anderen sogenannten ‚Genies‘ ist auch dieses alles andere als unfehlbar. Es ist also Zeit, den selbstverliebten, konservativen Geldsack James Halliday vom Sockel zu stoßen. Dieser Artikel ist keine Rezension. Er nimmt den Roman ‚Ready Player One‘ ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

„The more I’d learned about Halliday’s life, the more I’d grown to idolize him. He was a god among geeks, a nerd über-deity on the level of Gygax, Garriott and Gates.“Wade Watts

Die Letzten würden die Ersten sein – der große amerikanische Traum für Geeks

Was hat James Halliday denn geleistet? Er hat zusammen mit seinem Kollegen Ogden Morrow das Unternehmen Gregarious Simulation Systems (GSS) gegründet und die OASIS entwickelt. Das wohl erfolgreichste Spiel aller Zeiten. Dadurch wurde aus GSS das größte Unternehmen und Halliday zum reichsten Mann der Welt. Als Bilderbuch-Nerd mauserte er sich folglich zur größten Inspiration für Spielende weltweit. Aus einer schweren Kindheit könne also einer der mächtigsten Menschen aller Zeiten entwachsen. Die Letzten würden die Ersten sein – der große amerikanische Traum für Geeks. Endlich konnten jene, die seit Jahren Partys mit auswendig gelernten Filmzitaten aufmischen, so richtig im Leben punkten. Was sich als glühende Machtfantasie aufwachsender Jugendlicher manifestiert, ist bei genauerem Hinsehen das Versäumnis einer gesunden Vorbildfunktion.

Oh praise the lord James Halliday

James Hallidays Tod initiiert einen Contest in der OASIS, das gesamte Vermögen ist der Preis. Die volle Kontrolle über die OASIS ist mit inbegriffen. Zwar steckt in Ready Player One die ganze Welt in der Krise und ein Großteil der Bevölkerung ist verarmt. Der reichste Mann der Welt hatte aber zu Lebzeiten keine Ideen, sein Geld für etwas Gutes einzusetzen. Stattdessen haut er es für eine große Sammlung Arcade-Maschinen raus. Und im Endeffekt vererbt James Halliday seinen ganzen Reichtum dem Zufall. Dieser Zufall steht jedoch sehr zugunsten anderer reicher Menschen, wie wir bereits gelernt haben. Natürlich kann er mit seinem Reichtum anstellen, was er will. Doch rechtfertigt das seine fast schon göttliche Vorbildposition?

Wade ginge komplett in seinem Reichtum auf

Interessant ist auch, wie sich Hallidays Vorbild auf seine potenziellen Erben auswirkt. Als Wade Watts mit dem weiblichen Avatar Art3mis ausdiskutiert, was sie mit dem Geld anstellen würden, kommen sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Wade ginge komplett in seinem Reichtum auf, würde sich Luxusgüter en masse kaufen. Art3mis hingegen täte alles dafür, der Allgemeinheit zu helfen. Ein Vorhaben, das Wade eher belächelt. Ist es dagegen nicht eigentlich befremdlich, in einer verarmten, zerstörten Welt von persönlichem Reichtum zu träumen?

Jene reichen alten Männer, die sich kindlich in Nachbauten von popkulturellen Schlössern zurückziehen, sind im gebeutelten Jahr 2044 die Helden der ganzen Welt. Nebenbei verhungert am Stadtrand ein Großteil der Bevölkerung. Das müsste eigentlich eine absurde Vorstellung für jemanden wie Wade sein, der in einem dieser Ghettos lebt. Der persönliche Traum vom Tellerwäscher zum Millionär ist ihm dennoch wichtiger als das Allgemeinwohl. Der Drang berühmt und mächtig zu werden, überträgt sich von Hallidays auf Wade, der sich im Verlaufe des Contests immer weiter dem Größenwahn hingibt.

Papa Popkultur

Der Contest könnte Kreativität fördern

Der Weg, an das Preisgeld zu kommen, ist dabei besonders perfide. Die Rätsel und Aufgaben sind um das Leben und die Vorlieben von Halliday designt. Unter dem Vorwand, den jungen Spielenden die Perlen der 80er-Jahre nahe zu bringen, zwingt Halliday sie, in unendlicher Fleißarbeit die gleichen Dinge zu konsumieren, zu mögen und auswendig zu lernen. Dabei könnte der Contest Kreativität fördern. Er könnte spielerisch motivieren, Fertigkeiten zu erlernen, die die Welt weiterbringen. Spielende könnten Elektromotoren verbessern, in Simulationen innerhalb der OASIS Lösungen für Wasserknappheit erarbeiten. Sie würden selbst Spiele entwickeln, die einen Lerneffekt hätten und Probleme lösen könnten. Stattdessen ist der Contest ein stumpfes Memory voller auswendig gelernter Zitate aus den 80er-Jahren.

James Halliday ist der schrullige Papa mit dem ausgewaschenen Pink Floyd-Shirt

James Hallidays Fixierung auf die Popkultur der 80er ist obendrein noch ein sehr konservativer und pessimistischer Ansatz. Für Halliday schien das Jahrzehnt trotz schwerer Kindheit die Perfektion erreicht zu haben. In alten Stoffen stecken jedoch auch alte Werte. Eine Fixierung auf die Vergangenheit klammert eine potenziell vielversprechende Gegenwart sowie die Zukunft aus. So scheint es für Halliday undenkbar, dass kurz nach dem Release des Romans das Game Journey (2012) die ganze Videospiellandschaft verzaubert. Dass mit Her (2013) und Arrival (2016) die Speerspitzen des Sci-Fi-Genres frische Gesellschaft erhalten. Dass eine Serie wie Halt & Catch Fire (2014-17) das Leben in der 80er-Jahre viel besser erzählt, als es eine Aneinanderreihung von Popkultur-Zitaten es je vermochte. Halliday ist der schrullige Papa mit dem ausgewaschenen Pink Floyd-Shirt, der ‚dem Sohnemann‘ immer mal wieder ’seine alten Rush-Platten‘ aufzwingt. Hach damals, diese schönen Zeiten, als es noch die ‚richtige Gitarrenmusik‘ gab.

Latin’s dead, baby. Latin’s dead.

Der Fokus des Contests liegt aber nicht nur auf eingestaubter Popkultur, sondern auch auf James Halliday selbst. Um zu gewinnen, müssen Fans dessen Memoiren mehrfach verschlungen, sein Leben nachempfunden und komplett durchdrungen haben. Dass die Spielenden irgendwann komplett im Personenkult aufgehen, ist daher wenig verwunderlich. Der Fokus auf die Persona Halliday überträgt sich folglich auch auf dessen Jünger. Wade Watts lernt nach seinem Vorbild in der Schule lieber die tote Sprache Latein, um einen Vorteil für den Contest zu erhalten. Jede andere Wahl hätte ihm immerhin die Kommunikation in einer komplett vernetzten Welt erleichtert. Die Memoiren sind Wades Lieblingsbuch und die nie enden wollende Aufgabe seines Lebens, ist die Lieblingspopkultur seiner Vaterfigur James Halliday zu konsumieren.

Doch wie wertvoll kann eine Vaterfigur sein, die nur an ihrem persönlichen Reichtum gemessen wird? Ready Player One zeigt, dass wir an unsere Vorbilder noch immer weit verschobene Maßstäbe ansetzen.