Alle Artikel von Julian Krüger

Breaking Bad, Ending Bad? – Ein alternatives Ende

Das Breaking Bad Logo auf grünem Hintergrund

Vor fünf Jahren ging eine der beliebtesten TV-Serien aller Zeiten zu Ende. ‚Breaking Bad‘ wird bis heute so sehr gefeiert, dass mit ‚Better Call Saul‘ eine ähnlich erfolgreiche Spin-Off-Serie seit nunmehr vier Staffeln läuft. Doch wo andere Serien ihr Finale mit einem revolutionären Paukenschlag beendeten, war Breaking Bad vergleichsweise konventionell. Sicher, es flogen viele Kugeln durch die Gegend und es floss eine Menge Blut. Während die Serie jedoch sonst so oft mit den Erwartungen an traditionelle Erzählungen spielte, erfüllte sie diese im Finale einfach. Dieser Artikel erinnert an das Ende und bietet eine Alternative. Spoiler des richtigen Endes bleiben nicht aus. Andere Serien werden nicht gespoilert.

Als die Serie Sopranos 2007 zu Ende ging, berichteten ZuschauerInnen von einem Raunen, das durchs ganze Mehrfamilienhaus zu hören war. Das Ende schlug den Zuschauern geradezu ins Gesicht. Bis heute wird wild interpretiert, was da überhaupt passiert ist. Als Six Feet Under 2005 zu Ende ging, trieb die Serie ihren Hang zur Melancholie auf die Spitze. Tränendrüsen öffneten sich wie Scheunentore. Ernsthaft, wer bei dem Ende von Six Feet Under kalt bleibt, hat kein Herz (no Pressure na klar). Als LOST 2010 endete, war die Fangemeinde gespalten – komplette Entrüstung einer katastrophalen Auflösung der Mystery-Serie stand einer gelasSe34nen Zufriedenheit gegenüber. Als Breaking Bad im Jahr 2013 zu Ende ging, war das irgendwie… okay.

Breaking Bad – Ending Okay

‚Okay‘ ist der kleine Bruder von ’nett‘

„Okay“ ist für eine bahnbrechende Serie wie Breaking Bad als Prädikat natürliC6h eher mau. Mit einer IMDB-Wertung von 9,5, nie endenden Gesprächen auf WG-Partys und einer erfolgreichen Folgeserie ist ‚okay‘ der kleine Bruder von ’nett‘. Und natürlich ist das eine Übertreibung. Die ZuschauerInnen liebten die letzte Folge „Felina“, sie liebten ihre beiden Vorgänger, zusammen sind sie eine selten gesehene Episodentrilogie, die es isoliert auf die Kinoleinwand schaffen könnte. Aber die letzten Minuten der Folge… hm.

Was ist denn nochmal passiert?

Ein kurzer Flashback: Walter White besucht unter einem Vorwand die Neonazi-Gang in deren Lager. Hier kocht sein Partner-In-Crime Jesse Pinkman für sie in Sklavenarbeit Meth. Am Eingang wird White durchsucht und ihm wird sein Autoschlüssel abgenommen. Diesen Schlüssel braucht er dringend, um eine Falle auszulösen, die wir noch nicht kennen. Durch eine List kommt er allerdings wieder an seine Autoschlüssel und schafft es, Jesse in den Raum zu bringen. Bei Jesses desaströsem Anblick erweicht Walts Herz und er stürzt sich auf ihn, um ihn zu schützen. Auf Knopfdruck erschießt ein automatisches Schnellschussgewehr im Kofferraum seines Autos die Neonazis und verletzt Walt selbst. Walt und Jesse stehen sich daraufhin ein letztes Mal gegenüber. Jesse bekommt die Möglichkeit, Walt zu töten, verschont ihn aber und entkommt. Walt stirbt in dem Meth-Labor. Ende.

Und wie hätte Breaking Bad sonst enden sollen?

Ganz einfach, kurz und schmerzvoll: Walt verliert die Schlüssel an die Neonazis und bekommt sie nicht zurück. Er versucht es mit seiner List, schafft es jedoch nur, Jesse in den Raum zu bringen. Als er die Schlüssel endlich wieder in der Hand hat und die ZuschauerInnen jubeln, werden sie ihm wieder einmal abgenommen. Walt und Jesse stehen sich ein letztes Mal gegenüber und Walt sieht vor sich, was er angerichtet hat. Daraufhin wird er kaltblütig vor den Augen Jesses hingerichtet – Jesse kann sich nur bedingt darüber freuen. Die Neonazis gewinnen, wir erfahRe75n nie, was Walt eigentlich mit den Autoschlüsseln vorhatte. Wie im echten Finale spielt der Song „Baby Blue“ von Badfingers im Hintergrund, mit der Eingangszeile „Guess I got what I deserved“.

Breaking Bad-typisch fünf Quadrate die zusammen aus chemischen Stoffen aus dem Periodensystem zusammen "BaBY BLu" ergeben
Okay… äähm… warum zur Hölle…?

Die Serie hatte einen Sprachfetisch

Breaking Bad war immer gut darin, Erwartungen aufzubrechen. Gleichzeitig schaffte es die Serie mehr und mehr, den Protagonisten Walter White zum Antagonisten zu machen. Sie hatte außerdem immer einen Sprachfetisch. Mit doppelten Böden, Intertextualität und der schlichten wörtlichen Bedeutung von Sprichworten und nicht zufälligen Zusammensetzungen aus chemischen Formeln, waren Worte in BrBa konsequent besonders bedeutungsschwanger. Da ist das ‚bad‘ im Titel auch nicht zu vernachlässigen. To ‚break bad‘ heißt soviel wie ‚den Weg abseiTs117 sozialer Norm‘ bzw. ‚einen kriminellen Pfad einschlagen‘. Das tut Walter White ziemlich schnell, kocht er direkt in der Pilotfolge nicht nur Drogen und verkauft diese, sondern begeht auch schon seinen ersten Mord. Insgesamt kommt Breaking Bad auf einen Bodycount (Anzahl der Toten) von 271. Hierbei macht die Serie dem Zuschauer zudem häufig klar, dass Walter White zumindest indirekt immer irgendwie mitverantwortlich ist.

Heldentod für einen Antihelden

Als ZuschauerInnen sahen wir den Pfad von Walter White lange als Weg vom langweiligen Familienvater zum ‚Badass‘. Seine Taten verzeihen wir ihm so lange, wie er uns einreden kann, dass er das nur für seine Familie tut. Dass in ‚Badass‘ ebenso das ‚bad‘ enthalten ist, merken wir dann irgendwann, wenn wir Walts Größenwahn nicht mehr so einfach ertragen. In der letzten Folge stellt Walt zum Abschluss auch noch klar, dass er das alles nicht für seine Familie, sondern für sich getan hat, weil er sich dadurch lebendig fühlte.

Walter Whites Fazit? „Ich habe gewonnen.“

All das ist wie gemacht für ein Ende, das den ZuschauerInnen den Spiegel vorhält, zu welchem Preis diese persönliche Krisenbewältigung Walts eigentlich kam. Stattdessen stirbt Walter White als Held. Es ist ein gerne genutztes Stilmittel, das Böse gegen ein noch viel größeres Böse antreten zu lassen. So sind die kaltblütigen Neonazis die Antagonisten, die es aus dem einfachen Motiv der Rache zu bezwingen gilt. Sicherlich hat Walt als Held auch vieles verloren: Seine Familie und die Liebe seines Sohnes, seinen Schwager und sein öffentliches Ansehen. Doch am Ende kann er im Grunde das gleiche Fazit ziehen, das er schon am Ende der vierten Staffel gezogen hatte: „Ich habe gewonnen“.

Warum sollen wir denn eigentlich nicht erfahren, was Walt geplant hat? Es schubst Walt erstens vom dem Sockel eines Genies, dessen allmächtiges Werk ihm noch aus jedem Schlamassel geholfen hat. Zweitens wird so ein wunderbarer „Was ist in dem Koffer[raum]?“-Moment geschaffen, worüber wir womöglich noch fünf Jahre später rätseln würden.

Aller Kön’ge König

Ein Ende, in dem Walt nicht nur scheitert, sondern niemand geringeres als Neonazis gewinnen, ist ein Schock. Und es ist konsequent. Die ZuschauerInnen sehen sich plötzlich damit konfrontiert, dass sie einem Verbrecher zugesehen und zugejubelt haben. Einem Mann, der sich in seinem Männlichkeitsbild gekränkt sah und über zahlreiche Leichen ging. Der Jesses Freundin Jane aus purem Egoismus hat sterben lassen. Der jahrelang seinen Schwager Hank ausgespielt hat, was diesem im Endeffekt das Leben kostete. Der zu guter Letzt mit eben jenen Neonazis gemeinsame Sache gemacht hat.

"My name is Ozymandias King Of Kings" in orangenen Lettern auf gelbem Hintergrund. Das Gedicht von Percy Bysshe Shelley gibt in Breaking Bad einer maßgeblichen Episode ihren Namen

Am Ende von ‚Breaking Bad‘ ist auch das Imperium von Walter White gefallen

In Ozymandias, dem Gedicht Percy Bysshe Shelley, nachdem die gleichnamige Folge benannt wurde, geht es um ein gefallenes Imperium. Um das Denkmal eines einst großen Herrschers, das zerstört in einer kargen Wüste liegt. Am Ende von Breaking Bad ist auch das Imperium von Walter White gefallen. Sein Denkmal jedoch bleibt unversehrt.

+ (Was bedeutet das Pluszeichen? Die Antwort findest du hier, unter der Textblockade Nr. 6)

Ready Player One 01: Wird 2044 ein Scheißjahr?

Das Bild zeigt eine Gegenüberstellung zweier verschiedenfarbiger Rechtecke, jeweils mit der Beschriftung "2044". Eins ist grau und eins ist rosa. Ready Player One hätte sein 2044 auch positiv zeichnen können

Möglicherweise liest jemand im Jahr 2044 diesen Text und straft ihn Lügen: „Doch. Es ist wirklich so schlimm wie im Jahr 2044 des Romans ‚Ready Player One‘. Es ist alles so gekommen. Wir haben viele Kriege, Krisen und Naturkatastrophen erlebt. Das Öl ist uns ausgegangen, wir sind alle arbeitslos und mussten unsere Wohnwagen stapeln.“ In vielerlei Hinsicht blickt ‚Ready Player One‘ äußerst pessimistisch auf die Zukunft, häufig aus den falschen Gründen. Wird 2044 denn wirklich so ein Scheißjahr? Dieser Artikel sagt „Mut zur Utopie!“ und baut die Dystopie ‚Ready Player One‘ um. Der Artikel ist jedoch keine Rezension. Er nimmt den Roman ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

„The Once great Country into which I’d been born now resembled its former self in name only.“Wade Watts

So spricht Protagonist Wade über die Vereinigten Staaten von Amerika, als es um anstehende Wahlen geht. Eine Wahl ändere in der realen Welt nichts mehr, das „einst großartige Land“ sei nun dem Untergang geweiht. Die Zukunft, die Ready Player One zeichnet, ist tatsächlich sehr düster. Kriege und Naturkatastrophen haben die Welt zersetzt, fossile Brennstoffe sind knapp. Menschen in Armut müssen in aufeinander gestapelten Wohnwagen leben. Um dieser Realität zu entfliehen, spielt ein Großteil der Bevölkerung das Virtual-Reality-Spiel OASIS, in dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Ein großer Contest wird mit dem Tod des Lead Designers James Halliday ins Leben gerufen: Im Spiel ist ein Schatz versteckt. Wer diesen findet, erbt den gesamten Besitz des Milliardärs.

OASIS vs. 2044: Utopie in der Dystopie

Es ist nicht unproblematisch, dass der Roman OASIS als erstrebenswerte Utopie für Spielerinnen und Spieler inszeniert (was es nicht ist), während das Spiel in eine fiktive Dystopie eingebettet ist. In der Handlung des Romans ist nur das Fortbestehen der alternativen Realität gefährdet. Die eigentliche Realität scheint ohnehin bereits verloren, aber Hauptsache der OASIS geht’s gut. Dabei hätte das Jahr 2044 eigentlich das Zeug zur Utopie gehabt. Ein paar technologische Voraussetzungen stellt der Roman dafür ganz eigenständig: Autonom fahrende Autos? Yep. Busse mit Elektromotoren? Mhm. Eine Post, in der kein Mensch mehr arbeitet? Möglich. Unbemannte Privatjets? Ambitioniert, aber okay.

Elektromotoren sind jetzt schon mutmaßlich besser als in dem fiktiven Jahr 2044.

Die damit einhergehende, massenhafte Arbeitslosigkeit ist eine Folge davon, muss aber keine Tragödie sein. Mit arbeitenden Robotern könnte die Wirtschaft weiterhin blühen und Menschen müssten weniger arbeiten. Es entstünden womöglich neue Jobs, die mehr Erfüllung versprechen. Außerdem ist es sehr pessimistisch, anzunehmen, dass die Politik wie in Ready Player One nie gescheit auf die Arbeitslosigkeit reagiert hat. Denn in dem Roman wird die Bevölkerung mit knapp bemessenen Lebensmittelmarken abgespeist. Ein Grundeinkommen wäre ein logischer Schritt. So würde eine überwiegend hungernde Bevölkerung, die mit Privilegien aufgewachsen ist, der Regierung auch nicht aufs Dach steigen. Fossile Brennstoffe werden zudem weitgehend unwichtiger. Elektromotoren sind schon jetzt mutmaßlich besser als in dem fiktiven Jahr 2044, das Ready Player One im Jahr 2011 zeichnete.

Ready Player One: Schoolhouse Mock

In vielerlei Hinsicht ähnelt die Vision obendrein viel zu sehr der Gegenwart. Die Schule in Ready Player One ist das beste Beispiel dafür. Hier loggt man sich zu festen Schulzeiten in die OASIS ein, sitzt in einer Klasse vor einem Lehrer (eine reale Person) und erhält Frontalunterricht. Die Schule ist im Roman also im Grunde ein stinknormaler Campus. Hier existiert noch immer Gruppenbildung und hierarchisches Mobbing wie in der gegenwärtigen realen Welt. Der große Unterschied: Man kann das Mobbing stumm schalten. Es ist also immer noch da, man hört es nur nicht mehr.

Die Grundidee, Schule ein Stück weit in die virtuelle Welt zu verlagern, ist eigentlich gar nicht so schlecht. Doch ein Duplikat des Schulsystems in digitaler Form ist an mangelnder Kreativität kaum zu überbieten. Dabei bietet die OASIS das perfekte Umfeld für kreative Lernspiele, die nicht an Schulzeiten und Lehrkräfte gebunden sind. Diese Spiele wären so gut, dass Schülerinnen und Schüler von sich aus lernen wollten. Sie erlernten darin selbstständig und nach eigener Geschwindigkeit, kreative Lösungsansätze für Probleme zu finden. Kooperatives Gameplay mit anderen könnte die soziale Komponente fördern.

Spiele OASIS und ich sag dir, wer du bist

Gaming wird immer wichtiger werden, im Jahr 2044 wird fast jeder spielen.

Auch für die Bevölkerung der OASIS und damit die Geek- und Nerdkultur hat Ready Player One eine eher ernüchternde Vorhersage. Zwar verbringt nahezu jeder Mensch in dem Roman seine Freizeit in der OASIS. Diejenigen, die sich jedoch an dem großen Contest der Haupthandlung des Romans beteiligen, ähneln demographisch dem Bild, das gegenwärtig gerne gezeichnet wird: Überwiegend weiße Männer. Ein paar Asiaten sind auch dabei, die sind aber als Samurais verkleidet, na klar. Wenn Wade auf die weibliche Art3mis trifft, die sich an dem Contest beteiligt, befürchtet er, dass es sich in der Realität um einen 50-jährigen, übergewichtigen Mann namens Chuck handeln könnte, der im Keller seiner Mutter wohnt. Dabei besitzt in den USA schon jetzt ein Großteil der Haushalte eine Spielkonsole und Spielerinnen machen etwa die Hälfte der Spielerschaft aus. Gaming wird immer wichtiger werden, im Jahr 2044 wird fast jeder spielen.

Spoiler ausklappen
Aech, ein weißer und männlicher Avatar, stellt sich zum Ende hin als homosexuelle schwarze Frau heraus. Das macht den Roman zwar diverser, seine Vision aber umso düsterer. Die Mutter von Aech brachte ihr bei, dass die OASIS das Beste sei, was People Of Color je passiert sei. Das ist ein trauriges Statement, da es sich darauf bezieht, dass diese sich als weiße Männer ausgeben können. Die Vermutung, dass Frauen und People Of Color im Jahr 2044 noch immer eklatante Benachteiligungen erfahren, ist wohl einer der pessimistischsten Aspekte der Zukunftsvision.

Ready Player Everyone

Die Spielelandschaft wird immer diverser und barrierefreier werden.

Dass wie in Ready Player One die meisten eher chatten, während eine verhältnismäßig kleine Gruppe sich an dem Contest beteiligt, mag einigen elitären Gamern von heute sehr zusagen. Es zeigt sich jedoch, dass Ready Player One, wann immer es eine Utopie sein will, noch den Mief der Gegenwart in sich trägt. Die Spielelandschaft wird sich dem jedoch entgegen entwickeln und immer diverser und barrierefreier werden. Frauen, People Of Color, Menschen mit Behinderungen sowie die LGBTQia+-Community werden viel stärker vertreten sein. Der Contest wird nicht nur attraktiv für verschrobene Nerds sein, sondern ein ähnlich wichtiges Ereignis wie die Fußball-WM oder der Superbowl heute. (Zwar bekommt der Contest im Roman durchaus zu Anfang die entsprechende Aufmerksamkeit aufgrund des hohen Preisgeldes, verschwindet aber nach einigen Jahren in der Nerd-Nische.)

Wege in die Utopie 2044

Die Utopie 2044 wird aber natürlich nicht einfach so geschehen. Es gibt durchaus Stolpersteine, die Menschen bis dahin beachten und überwinden müssen. Ready Player One sieht die Probleme nur an den falschen Stellen. Kriege zwischen Staaten kommen bei weiterer Vernetzung immer seltener vor, immer weniger Menschen sterben durch Naturkatastrophen und fossile Brennstoffe werden immer unwichtiger.

Natürlich kann es gut sein, dass der Himmel uns aufgrund des Klimawandels auf den Kopf fällt. Dagegen braucht es weiterhin eine vorwärts gewandte Vorgehensweise. Der tendenziell menschenfeindliche Rechtsruck, eine erzkonservative Politik und die Einschränkung von Grundrechten sind jene Nuancen, die einen Fortschritt in dieser Hinsicht blockieren könnten. Einfach so von einer fatalen Zukunftspolitik auszugehen, ist jedoch kontraproduktiv. Denn in der wirklichen Welt ist zumindest davon auszugehen, dass Wahlen tatsächlich noch etwas bewirken. Ready Player One gibt die Demokratie dagegen einfach auf. Und da liegt das eigentliche Problem begraben.

It didn’t matter who was in charge. Those people were rearranging chairs on the Titanic and everyone knew it.Wade Watts

Während die Bildung, Gesundheit und die Sicherheit global immer besser wird, leben tendenziell mehr Menschen in Autokratien als noch vor einigen Jahren. Mit eingeschränkter Presse- und Meinungsfreiheit wäre eine OASIS, die vom Staat unberührt bleibt, gar nicht möglich. Wenn Ready Player One unbedingt eine Dystopie sein musste, hätte es eine sein können, in der Kunst-, Presse und Meinungsfreiheit bedroht wäre. Oder es hätte durchaus Mut zur Utopie beweisen können, in der eine utopische virtuelle Realität mit der utopischen Realität konkurrieren müsste.

Ready Player One 02: Ist die OASIS ein gutes Spiel?

Die OASIS ist ein System, das nur mit Geld funktioniert. Das Bild zeigt eine VR-Brille mit der Aufschrift "Insert Coin".

Virtual Reality bleibt noch immer hinter den Erwartungen zurück. Eine vielversprechende Technologie, die Immersion verspricht, sicher. Doch die Brillen sind gegenwärtig noch zu teuer und die Spiele nicht gut genug. In der ‚OASIS‘ ist das anders. Das Spiel in dem Roman ‚Ready Player One‘ verspricht die Zukunftsvision eines VR-Spiels, in dem sich fast jeder verliert. Hier können Spielende tun und lassen, was sie wollen. Im Kern steht eine Schnitzeljagd: Wer die popkulturell aufgeladenen Rätsel entschlüsselt und gewinnt, erbt den gesamten Besitz des Lead-Designers James Halliday, inklusive des Spiels. Ein genauerer Blick verrät jedoch, dass die spielerische Utopie gar nicht so rosig aussieht. Denn Spielende von heute würden die ‚OASIS‘ schwer bestrafen. Dieser Artikel ist keine Rezension. Er nimmt den Roman ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

Wade Watts, der Protagonist des Romans Ready Player One loggt sich in die OASIS ein. Damit loggt er sich quasi aus seiner tragischen Existenz als verarmter Teenager in einer Dystopie aus. In der OASIS angekommen, kann er quasi alles machen. Jeden Film gucken, jedes Spiel spielen, Musik hören, Leute treffen – hier sind ihm vermeintlich keine Grenzen gesetzt. Richtig gelesen, vermeintlich. Denn in der OASIS hat es gerade jemand wie Wade Watts schwer. Wade hat nämlich kein Geld in der realen Welt. Die OASIS kostet inklusive Hardware nur 25 Cent, in Anlehnung an den Vierteldollar, den man einst in Arcade-Maschinen in der Spielhalle steckte. Damit ist die OASIS beinahe free-to-play, also so günstig, dass jeder sich Spiel und Gerät leisten kann.

(Un-)Ready Player One: Pay to play

Das Spiel läuft dementsprechend allerdings auch unter pay-to-win: Nur wer Echtgeld in das Spiel reinsteckt, hat die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Transportation kostet Geld, also Teleportation oder auch Treibstoff, falls man sich für Geld ein Raumschiff gekauft hat. Zwar ist es ab einem bestimmten Punkt möglich, diese Ausgaben mit der virtuellen Währung zu bestreiten, die man durchs Spielen verdient. Doch das ist auch nur begrenzt möglich und um dort erst einmal hinzukommen, benötigt es eine Startinvestition.

Grenzen sind programmatisch für dieses Spiel

Auf dem Ausgangsplaneten für Avatare gibt es keine Möglichkeiten, Credits zu sammeln oder seinen Level zu verbessern. Auf anderen Planeten blühen dagegen Fantasy- und Science-Fiction-Welten. Der Herr Der Ringe-, World Of Warcraft- oder Star Trek-Planeten lassen sich in virtueller Realität spielerisch erkunden. Die meisten Oasis-Einwohner scheint das nicht allzu sehr zu interessieren, da sie die OASIS lieber als soziales Netzwerk verwenden. Das ist allerdings erstens ein schwacher Trost für jene, die spielen und sich an dem Contest beteiligen wollen und zweitens auch ein Armutszeugnis für ein Spiel mit unbegrenzten Möglichkeiten. Doch Grenzen sind programmatisch für dieses Spiel in dieser Welt.

OASIS: Bitte Geld einwerfen

Wer mehr Geld hat, hat auch mehr Macht

Die OASIS ist strukturell leider nicht mehr als ein Abbild der dystopischen Realität von Ready Player One. Hier ist die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinandergedriftet, dass die verarmte Mehrheit handlungsunfähig ist. Wer mehr Geld hat, hat auch mehr Macht. Da ist es kaum verwunderlich, dass rund um den Contest auch wirtschaftliche Interessen entstehen und bestens blühen können. Mit Innovative Online Industries (kurz IOI) hat sich eine bezahlte Armee rund um den Contest gebildet. Mit schier endlosen wirtschaftlichen Mitteln kann das Unternehmen Spielende bezahlen sowie Waffen und Fahrzeuge en masse kaufen. Die Soldaten, die sogenannten Sechser, sind im Grunde kein ungünstiges Nebenprodukt des Contest, sondern eine Konsequenz aus schlechtem Design.

„Mit Wissen gewinnst du die halbe Schlacht.“
Wade Watts

Wade hat mit diesem Statement natürlich nicht Unrecht. Der Contest ist auf popkulturellen Rätseln aufgebaut, die ein enormes Wissen abverlangen. Doch erstens gewinnst du mit Geld die andere Hälfte. Und zweitens haben gerade Zusammenschlüsse von Spielenden viel bessere Chancen für den Contest. Da es um viel Geld geht, entsteht keine freudige Community um OASIS, die online Geheimnisse austauscht. In Gruppen jedoch, die sich den Gewinn teilen wollen, arbeitet man zusammen. So hat IOI einen immensen Vorteil gegenüber einem Wade Watts, der alleine vorgeht. Dieser Vorteil heißt Schwarmintelligenz. Die einzige Erklärung, dass die Sechser nicht schon nach kürzester Zeit alle Rätsel geknackt haben, ist nur darin zu finden, dass sie allesamt böse auf den Kopf gefallen sind.

Ready P(l)ayer One

In Anbetracht dieses Gamedesigns kann man davon ausgehen, dass Spielende von heute bei einer Veröffentlichung der OASIS nicht sehr erfreut wären. Zwar verteidigen Fans häufig ihre liebsten Spiele und Spielentwickler vehement vor Kritik. Viele sehen noch immer über Rassismus und Sexismus in der Gamesbranche hinweg. Eine Sache jedoch dulden sie nicht und strafen Spiele mit Boykott ab: Mikrotransaktionen. Echtgeldkäufe, die im Spiel einen Vorteil bewirken.

Abgesehen vom Contest scheint die OASIS auch kein übergeordnetes Narrativ zu bieten. Es ist zwar immer von Quests die Rede, also Aufgaben, die es zu erledigen gibt. Diese scheinen jedoch nicht wirklich zusammen zu hängen und aus dem bunten Popkultur-Potpourri der OASIS zusammengewürfelt zu sein. Ein Spiel, in dem Spielende alles machen können, hört sich zwar gut an, es fehlt jedoch ein Fokus. Hier könnten Grenzen und Regeln das Spielerlebnis tatsächlich aufwerten. Die Inhalte auf den Planeten, die altbekannte Narrative wie z.B. Der Herr Der Ringe versprechen, stammen nicht von James Halliday selbst, sondern von anderen Entwicklern, die sich dem System der OASIS beugen müssen.

Das wirft auch ein schummriges Licht auf die die Monopolstellung des Spiels. Das zuständige Unternehmen Gregarious Simulation Systems (kurz GSS) flutet mit seiner wirtschaftlichen Übermacht den VR-Markt. Neue Spiele erscheinen demnach innerhalb der OASIS. Andere Systeme scheinen in der Welt von Ready Player One nicht mehr zu existieren. Dagegen wäre ein Spiel, in dem man zu Anfang nur auf einem Planeten leben könnte, der keine Möglichkeiten bietet, sofern man nicht dafür bezahlt, ein guter Anlass, ein anderes Spiel zu spielen.

Ready Player One 03: Personenkult – James Halliday ist doohoof!

James Halliday sei ein großes Genie und ein Gott der Geeks, so sagen seine Fans. Auf dem Bild steht auf dunklem Hintergrund in pinken Großbuchstaben "GENIAL." geschrieben

In der Gameswelt ist eine Konstante gewiss: Der Kult um die Schöpfer. Hideo Kojima, Peter Molyneux, Jonathan Blow, Hidetaka Miyazaki. Scheinbar gottgleiche Männer, die diese Welten erschufen, in denen Fans so gerne Zeit verbringen. Der Roman ‚Ready Player One‘ hat seinen Heiland in James Halliday gefunden. Spieleentwickler des Spiels ‚OASIS‘ und Gott der Nerds. Doch schnell wird klar: Wie alle anderen sogenannten ‚Genies‘ ist auch dieses alles andere als unfehlbar. Es ist also Zeit, den selbstverliebten, konservativen Geldsack James Halliday vom Sockel zu stoßen. Dieser Artikel ist keine Rezension. Er nimmt den Roman ‚Ready Player One‘ ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

„The more I’d learned about Halliday’s life, the more I’d grown to idolize him. He was a god among geeks, a nerd über-deity on the level of Gygax, Garriott and Gates.“Wade Watts

Die Letzten würden die Ersten sein – der große amerikanische Traum für Geeks

Was hat James Halliday denn geleistet? Er hat zusammen mit seinem Kollegen Ogden Morrow das Unternehmen Gregarious Simulation Systems (GSS) gegründet und die OASIS entwickelt. Das wohl erfolgreichste Spiel aller Zeiten. Dadurch wurde aus GSS das größte Unternehmen und Halliday zum reichsten Mann der Welt. Als Bilderbuch-Nerd mauserte er sich folglich zur größten Inspiration für Spielende weltweit. Aus einer schweren Kindheit könne also einer der mächtigsten Menschen aller Zeiten entwachsen. Die Letzten würden die Ersten sein – der große amerikanische Traum für Geeks. Endlich konnten jene, die seit Jahren Partys mit auswendig gelernten Filmzitaten aufmischen, so richtig im Leben punkten. Was sich als glühende Machtfantasie aufwachsender Jugendlicher manifestiert, ist bei genauerem Hinsehen das Versäumnis einer gesunden Vorbildfunktion.

Oh praise the lord James Halliday

James Hallidays Tod initiiert einen Contest in der OASIS, der Preis ist dessen gesamtes Vermögen und die volle Kontrolle über die OASIS. Zwar steckt in Ready Player One die ganze Welt in der Krise und ein Großteil der Bevölkerung ist verarmt. Der reichste Mann der Welt hatte aber zu Lebzeiten keine Ideen, sein Geld für etwas Gutes einzusetzen. Stattdessen haut er es für eine große Sammlung Arcade-Maschinen raus und im Endeffekt vererbt er sein Vermögen dem Zufall. Dieser Zufall steht darüber hinaus sehr zugunsten anderer reicher Menschen, wie wir bereits gelernt haben. Natürlich kann er mit seinem Reichtum anstellen, was er will. Doch rechtfertigt das seine fast schon göttliche Vorbildposition?

Wade ginge komplett in seinem Reichtum auf

Interessant ist auch, wie sich Hallidays Vorbild auf seine potenziellen Erben auswirkt. Als Wade Watts mit dem weiblichen Avatar Art3mis ausdiskutiert, was sie mit dem Geld anstellen würden, kommen sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Wade ginge komplett in seinem Reichtum auf, würde sich Luxusgüter en masse kaufen. Art3mis hingegen täte alles dafür, der Allgemeinheit zu helfen. Ein Vorhaben, das Wade eher belächelt. Ist es dagegen nicht eigentlich befremdlich, in einer verarmten, zerstörten Welt von persönlichem Reichtum zu träumen?

Jene reichen alten Männer, die sich kindlich in Nachbauten von popkulturellen Schlössern zurückziehen, sind im gebeutelten Jahr 2044 die Helden der ganzen Welt. Nebenbei verhungert am Stadtrand ein Großteil der Bevölkerung. Das müsste eigentlich eine absurde Vorstellung für jemanden wie Wade sein, der in einem dieser Ghettos lebt. Der persönliche Traum vom Tellerwäscher zum Millionär ist ihm dennoch wichtiger als das Allgemeinwohl. Der Drang berühmt und mächtig zu werden, überträgt sich von Halliday auf Wade, der sich im Verlaufe des Contests immer weiter dem Größenwahn hingibt.

Papa Popkultur

Der Contest könnte Kreativität fördern

Der Weg, an das Preisgeld zu kommen, ist dabei besonders perfide. Die Rätsel und Aufgaben sind um das Leben und die Vorlieben von Halliday designt. Unter dem Vorwand, den jungen Spielenden die Perlen der 80er-Jahre nahe zu bringen, zwingt Halliday sie, in unendlicher Fleißarbeit die gleichen Dinge zu konsumieren, zu mögen und auswendig zu lernen. Dabei könnte der Contest Kreativität fördern. Er könnte spielerisch motivieren, Fertigkeiten zu erlernen, die die Welt weiterbringen. Spielende könnten Elektromotoren verbessern, in Simulationen innerhalb der OASIS Lösungen für Wasserknappheit erarbeiten. Sie würden selbst Spiele entwickeln, die einen Lerneffekt hätten und Probleme lösen könnten. Stattdessen ist der Contest ein stumpfes Memory voller auswendig gelernter Zitate aus den 80er-Jahren.

James Halliday ist der schrullige Papa mit dem ausgewaschenen Pink Floyd-Shirt

James Hallidays Fixierung auf die Popkultur der 80er ist obendrein noch ein sehr konservativer und pessimistischer Ansatz. Für Halliday schien das Jahrzehnt trotz schwerer Kindheit die Perfektion erreicht zu haben. In alten Stoffen stecken jedoch auch alte Werte. Eine Fixierung auf die Vergangenheit klammert eine potenziell vielversprechende Gegenwart sowie die Zukunft aus. So scheint es für Halliday undenkbar, dass kurz nach dem Release des Romans das Game Journey (2012) die ganze Videospiellandschaft verzaubert. Dass mit Her (2013) und Arrival (2016) die Speerspitzen des Sci-Fi-Genres frische Gesellschaft erhalten. Dass eine Serie wie Halt & Catch Fire (2014-17) das Leben in der 80er-Jahre viel besser erzählt, als es eine Aneinanderreihung von Popkultur-Zitaten es je vermochte. Halliday ist der schrullige Papa mit dem ausgewaschenen Pink Floyd-Shirt, der ‚dem Sohnemann‘ immer mal wieder seine alten Rush-Platten aufzwingt. Hach damals, diese schönen Zeiten, als es noch die ‚richtige Gitarrenmusik‘ gab.

Latin’s dead, baby. Latin’s dead.

Der Fokus des Contests liegt aber nicht nur auf eingestaubter Popkultur, sondern auch auf James Halliday selbst. Um zu gewinnen, müssen Fans dessen Memoiren mehrfach verschlungen, sein Leben nachempfunden und komplett durchdrungen haben. Dass die Spielenden irgendwann komplett im Personenkult aufgehen, ist daher wenig verwunderlich. Der Fokus auf die Persona Halliday überträgt sich folglich auch auf dessen Jünger. Wade Watts lernt nach seinem Vorbild in der Schule lieber die tote Sprache Latein, um einen Vorteil für den Contest zu erhalten. Jede andere Wahl hätte ihm immerhin die Kommunikation in einer komplett vernetzten Welt erleichtert. Die Memoiren sind Wades Lieblingsbuch und die nie enden wollende Aufgabe seines Lebens, ist die Lieblingspopkultur seiner Vaterfigur James Halliday zu konsumieren.

Doch wie wertvoll kann eine Vaterfigur sein, die nur an ihrem persönlichen Reichtum gemessen wird? Ready Player One zeigt, dass wir an unsere Vorbilder noch immer weit verschobene Maßstäbe ansetzen.

Der traurige Klaus und die Komik des Bo Burnham

Bob Burnham als trauriger Clown vor einer grauen Mauer

Komik und Tragik liegen häufig so nah bei einander wie eine rote Nase und ein Alkoholikergesicht. Traurige Clowns sind zumindest in der internationalen Comedy-Szene keine Seltenheit. Diese Spaßvögel haben verstanden, dass es am besten ist, die Tragik nicht allzu sehr zu verbergen. Das weiß auch Bo Burnham, der gekonnt diesen Bogen überspannt und sich mitten auf der Bühne abschminkt.

Es war einmal ein Junge namens Klaus. Klaus war immer traurig. Seine Mitschüler wussten das und da Kinder auffallend fantasielos bei der Namensgebung anderer Kinder sind, tauften Tina mit den trockenen Händen, Jonathan Hinkebein und die anderen Klaus auf den Namen: Der traurige Klaus. Klaus war so traurig, dass er selten etwas sagte und so wusste auch niemand, warum er stets so traurig war.

Eines Tages feierte die ganze Schule Karneval. Alle Kinder verkleideten sich und so auch der traurige Klaus. An diesem Tag kam er als Clown verkleidet in die Schule. Die Kinder konnten darüber nicht lachen, denn sie verstanden nicht, wieso sich der traurige Klaus ausgerechnet als Clown verkleidete. Tina ging ja auch nicht als Handmodel und Jonathan nicht als Fußballspieler. Was den Kindern fehlte, war ein wertloses Bachelorstudium der Geisteswissenschaften. Das hätte ihnen vielleicht beibringen können, dass der traurige Clown eine altbekannte Legende ist. Zwar hatte auch Klaus keinen Bachelor, doch er brauchte auch keinen. Er trug die Realität des traurigen Clowns tief in sich.

Der traurige Clown

Die Geschichte vom traurigen Klaus ist wahr, nur die Namen und die Attribute der anderen Kinder sind erfunden. Die Legende vom traurigen Clown stammt von dem Engländer Joseph Grimaldi, der im frühen 19. Jahrhundert seine Glanzzeit als Clown durchlebte. Einer seiner Witze ist den Menschen bis heute gut im Gedächtnis geblieben:

Geht ein Mann zum Arzt und klagt über seine Depressionen. Er könne nicht essen, er könne nicht schlafen. Daraufhin rät ihm der Arzt, Lachen sei die beste Medizin. Er solle einfach zu dem berühmten Clown Grimaldi gehen. Der Mann erwidert verzweifelt: „Aber ich bin doch der Clown Grimaldi!“Joseph Grimaldi

Klaus war vielleicht von allen in der Klasse der größtmögliche Klassenclown. Denn von den bekanntesten englischsprachigen Comedians wissen wir, dass einem die besten Lacher im Halse stecken bleiben. Und dass die Comedy sehr oft aus der Tragödie entsteht. Wir lachen und hinterfragen es sofort. Wir lachen und hinterfragen uns selbst. Doch wer sollte es wagen, irgendwann gar nicht mehr witzig zu sein? Wer wagt es, sich abzuschminken, um das wahre Gesicht des traurigen Clowns offen nach außen zu tragen?

Es war einmal ein Junge namens Bo

Wer unermüdlich auf die Suche nach großer Comedy das Internet durchkämmt, stößt irgendwann unweigerlich auf Bo Burnham. Der aufgeweckte Comedian singt am Keyboard, macht politisch inkorrekten Quatsch und scheint es zu lieben, die vierte Wand zu durchbrechen. Wer jedoch stark auf die etwas zurückgelehnten, ruhigeren Comedians eingeschossen ist, die vor allem immer sehr persönlich werden, mag von dem jungen Energiebündel erst einmal abgeschreckt sein.

Bo Burnham kämpft ständig gegen sein Publikum an.

Burnham bietet einen Act voller doppelter Böden, Selbstironie und Distanz zu den eigenen Gags. Dabei ist es vorerst schwierig, zu bestimmen, ob er nun irgendetwas ernst meint. Demnach ist es noch erstaunlicher, wenn sein Act plötzlich kippt, er es dem Publikum einfach sagt und die Hüllen fallen lässt. So fallen diese dadurch doch umso tiefer. In Burnhams Comedy blitzt immer wieder eines hervor: das wahre Gesicht eines tieftraurigen Clowns und die ironische Tragik in jeder Form von Performance. Bo Burnham kämpft ständig gegen sein Publikum an, auch jenseits scherzhafter Beleidigungen.

Am stärksten entfaltet sich dieses Bild am Ende seines letzten Stand-Up-Specials Make Happy, als er in dem Song „Can’t Handle This“ (YouTube-Video) eine Persiflage auf Kanye West in Form einer gesungenen Tirade auf seine Probleme darbietet. Ohne die Witze vorwegzunehmen, sei verraten, dass die Stimmung irgendwann kippt. Burnham kehrt die nackte Realität seines größten Problems hervor und das ist das Publikum selbst. Er verrät dem Publikum ganz offen, dass er mit seinem Job, andere glücklich zu machen, selbst nicht glücklich ist. Er ist der traurige Clown.

Bo Burnham: Performance gegen Performance

Die größte Errungenschaft, die Bo Burnham damit wohl zu erstreben versucht, ist den Traum zu zerstören, den er lebt und dem so viele nacheifern. Er performt gegen Performance, gegen den alltäglichen Drang der Selbstdarstellung. Er ist mit dem Blickwinkel von der Bühne aus einer der besten Kandidaten dafür. Der erfüllte Traum vom großen Ruhm bietet keinerlei Antworten und ist nicht unbedingt der Weg zum Glück. Bo Burnham ist damit einer der vielen lebenden Beweise, dass eine erfolgreiche Karriere und Glückseligkeit nicht automatisch Hand in Hand gehen. Robin Williams ist einer der toten Beweise. Einer der stärksten Sätze, die Burnham in aller Ernsthaftigkeit innerhalb seines Stand-Ups sagt, ist: „Wenn du die Möglichkeit hast, ein Leben ohne Publikum zu führen, dann solltest du das tun.“

Bo Burnham hat sich mittlerweile bis auf weiteres aus der Performance verabschiedet und hat sein Spielfilm-Debüt (Youtube-Video) als Regisseur veröffentlicht. Und was der traurige Klaus gerade so macht? Gute Frage. Wer weiß?

Braune Botschaften: Rechtsextreme Songtexte von Burzum

Auf dem Bild sind die Wörter "Musik" und Politik direkt übereinander geschrieben, sodass sie schwer auseinander zu halten sind

Ein T-Shirt erregte Aufsehen: Daniel Vávra, ein Entwickler des Games ‚Kingdom Come: Deliverance‘, trug den Namen Burzum während eines Pressetermins auf der Brust. Dabei ist es bekannt, dass der Kopf dieser norwegischen Metalband ein überzeugter Rassist ist. Burzum ist bei Fans damit wahrscheinlich eins der Paradebeispiele für den Willen, den Künstler von der Kunst zu trennen. Varg Vikernes sei ein Spinner, so heißt es häufig. Solange aber dessen Musik selbst unpolitisch sei, könne man diese getrennt von ihm bewerten. Da lohnt sich doch ein Blick auf die Texte der Band, um zu überprüfen, ob sie denn überhaupt unproblematisch sind. Es stellt sich heraus: Der hier besprochene Songtext transportiert offen nationalsozialistisches Gedankengut.

Ein T-Shirt von Burzum zu tragen ist im Grunde schon Alarmsignal genug. Varg Vikernes ist ein verurteilter Mörder und für seine Ansichten in der Szene berüchtigt. Auf einem Presseevent mit Interviews vor laufenden Kameras das Logo der Band zur Schau zu stellen, kann man also durchaus als Statement werten. (Was ist eigentlich passiert? Es ging in der Geschichte natürlich nicht nur um ein Shirt. Hier soll es aber vor allem um Burzum gehen. Eine Zusammenfassung liest du hier.) Das Statement könnte zum Beispiel die offen rechtsradikale Gesinnung von Vikernes stützen. Das Argument, nur die unpolitische Musik damit unterstützen zu wollen, ist nicht unproblematisch. Fans bringen es jedoch gerne bei einer solchen Thematik hervor. Burzum sei ein großer Einfluss auf den Black Metal gewesen, deshalb wollen sich viele von der Musik nicht lösen. Was ist jedoch, wenn schon die Musik ebenfalls klare politische Botschaften transportiert?

Kontaminierte Begriffe in der Alltagssprache

Die Nationalsozialisten lenkten die Sprache bewusst als politisches Instrument.

Einige Begriffe unserer Alltagssprache sind seit dem Nationalsozialismus mit dessen Ideologie belastet. Häufig ist das den Sprecherinnen und Sprechern gar nicht bewusst. Ein Beispiel ist der Begriff ‚Drittes Reich‚, der heute alltäglich synonym mit der NS-Zeit genutzt wird. Dabei ist der Begriff ein ideologisch gefärbter Propagandabegriff, den die Nazis für sich beanspruchten und umdeuteten. Sie überließen dabei nichts dem Zufall und lenkten die Sprache bewusst als politisches Instrument. Die Propaganda war damals also so fest mit der Sprache verwoben, dass sie noch heute darin zu finden ist.

Ein weiteres bekanntes Beispiel ist der Ausdruck ‚Jedem das Seine‘, der am Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald zu lesen war. ‚Jedem das Seine‘ war ursprünglich ein Prinzip für Verteilungsgerechtigkeit, das auf philosophische Theorien der Antike zurückgeht. Die Nazis haben es für sich beansprucht und umgekehrt. Aus einem Spruch, der für eines Jeden Recht einsteht, machten sie somit die zynische Behauptung, die KZ-Insassen hätten ihre Strafe verdient.

Das Bild zeigt den Spruch "Jedem das Seine" an der Eingangstür des Konzentrationslagers Buchenwald

Der Schriftzug im Konzentrationslager Buchenwald war so angebracht, dass er für die Gefangenen von innen zu lesen war. Bild: Clemensfranz (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons.

Die hier thematisierten Texte von Burzum sind teilweise überraschend direkt und gehen über unterschwellig kontaminierte Begriffe hinaus. Der Songtitel „Envher Till Sitt“ vom Album Fallen (2011) wird auf der Website* mit „Each Man To His Own“ übersetzt, zu deutsch: „Jedem das Seine“. Der Zusatz in der englischen Tracklist „meaning ‚Each Man Gets What He Deserves'“ macht noch einmal deutlich, wohin die Reise genau gehen soll. Man könnte es sonst ja glatt im philosophisch-moralischen Sinne verstehen. Wem das noch zu weit hergeholt ist, schaut sich den nächsten Song an. „Budstikken“, der den deutschen Titel „Die Botschaft“ trägt, beinhaltet ganz offensichtliche nationalsozialistische Ideologien.

Die Botschaft von Burzum

In dem Song „Budstikken“ greift Burzum die Rassentheorie der Nazis auf.

Der Song ist ein Schlachtruf („Die Axtzeit ist gekommen“), was unter einem Aspekt besonders bedenklich ist: In „Budstikken“ greift Burzum die Rassentheorie der Nazis auf. Diese Theorie beruht auf dem Konzept einer ’nordisch-arischen Herrenrasse‘. Häufig ist dort von Blut die Rede. Wer ‚guten Blutes‘ war, hatte solange wenig zu befürchten, bis er sich der sogenannten ‚Rassenschande‘ schuldig machte. Darunter verstanden die Nazis vor allem die Ehe und sexuelle Kontakte mit Juden. In dem Song „Budstikken“ ist nun wortwörtlich die Rede von der „Erinnerung des göttlichen Blutes. / Nicht geschändet. Nicht beschmutzt. / Asgards rotes Gold.“ (Asgard ist ein Ort in der nordischen Mythologie.)

Nun könnte man vielleicht gerade noch so argumentieren, dass das im Black Metal nicht ungewöhnlich sei. Krieg, Blut und nordische Mythologie treffe man hier doch immer wieder an. (Auch wenn man damit den Aspekt des ’nicht beschmutzten‘ Blutes ausklammert.) Aber das war noch nicht alles. „Vorwärts für König und Vaterland“ heißt es da später im Text und fügt dem noch eine Portion Nationalismus hinzu. Doch die folgende Zeile setzt dem Text die Krone auf klebt dem Text das Bärtchen an: „Vorwärts für all unser Blut und all unseren Boden.“

In diesem Teil zitiert Burzum Nazirhetorik wortwörtlich. Es steht nicht zwischen den Zeilen, sondern mittendrin: ‚Blut und Boden‚ ist eine agrarpolitische Ideologie, die die Nationalsozialisten aktiv propagierten. Sie fußt darauf, dass einer gewissen Abstammung auch ein gewisser Boden zustehe. Die Ideologie diente somit als Legitimierung einer ‚Eindeutschung‘ und der Eroberung anderer Länder. Das ist nicht zu unterschätzen. Nicht zuletzt jubelt der Song in Form eines Schlachtrufes den Konsumenten hier einen zutiefst rechtsextremistischen Code unter.

Die Botschaft von Varg Vikernes

Die Gesinnung ist zweifellos drin.

Es wäre jetzt möglich, diese Argumentation noch durch Interview-Aussagen von Varg Vikernes zu unterfüttern. Doch das ist hier nicht das Thema: Hier geht es um die Musik, die die Fans so gerne vom Musiker trennen würden. Es zeigt sich jedoch allein in seinen Texten: Sie sind nicht zu trennen. In dem Moment, in dem ein Rechtsextremer diese Zeilen singt, lässt sich auch nichts mehr mit nordischer Mythologie relativieren. Die Gesinnung ist zweifellos drin. Das Werk von Burzum ist spätestens mit dem Album Fallen mit rechtem Gedankengut assoziiert. Der Name Burzum steht also dafür. Jedes T-Shirt mit dem Aufdruck steht dafür. Das ist nicht vermeidbar.

Viele werden aus diesem Artikel nichts Neues gelernt haben. Dass man mit dem Konsum der Musik einen rechtsextremen Mörder unterstützt, war doch eigentlich allen klar. Aber niemand, der diesen Text gelesen hat, kann noch die Musik hören und den Vorwand vorschieben, sie sei unpolitisch oder nicht von Vikernes‘ Gesinnung gefärbt.

 

*Hier steht ganz bewusst kein Link zur Website von Burzum, um dieser keine Plattform zu bieten. In diesem Artikel soll möglichst wenig von Varg Vikernes‘ Gedankengut stehen. Es ist natürlich immer heikel, rechtextremes Gedankengut abzubilden, auch wenn es wie hier eindeutig in der Kritik steht. In der Diskussion ist nur genau das das Problem: Rechtes Gedankengut bleibt unkommentiert stehen. Die Relativierung von Burzums Songtexten ist fatal. Dieser Text ist deshalb eine Formalität, um das einmal klar zu stellen.


Weiterlesen:

"OH NEIN, ER HAT HITLER GESAGT!": Dirk Walbrühl schreibt über kontaminierte Sprache und wie wir damit umgehen können.

"DIE HÖCKE-REDE IN EISLEBEN: KRIEGS- FANTASIEN UND SPRACHE": Jasmin Schreiber entlarvt in ihrer Analyse den Nazi-Neusprech von Björn Höcke.

Fuck 2017? – Was Fans in Zeiten von #metoo tun können

Spätestens mit George Michael, der ausgerechnet am 25. Dezember letzten Jahres starb, war das Maß voll. „FUCK 2016!“, tönte es zum Ende des Jahres massenweise durch die sozialen Netzwerke. Das Jahr 2016 ist schuldig im Sinne der Anklage: ein verurteilter Serienmörder, der den Fans reihenweise beliebte Rockstars nahm. Es war also nicht das Alter, das die vielen Musiker langsam zur Strecke gebracht hatte. Es musste irgendetwas mit dem verflixten Jahr zu tun gehabt haben. 2017 ist fast überstanden und das Heldensterben ging weiter. In diesem Artikel geht es aber nicht um die Stars, die tatsächlich dieses Jahr gestorben sind – mögen sie in Frieden ruhen. Die hier thematisierten Hollywoodstars starben nicht wirklich, sondern ihre Karrieren. Für die Fans dieser großen Namen ist das gewissermaßen schlimmer als der Tod. Wie gehen sie damit um und was können sie stattdessen tun?

 

Wann immer ich den Namen eines geliebten Prominenten auf Twitter durchstarten sehe, denke ich ‚bitte sei tot, bitte sei tot, bitte sei tot!‘

„[I]t’s getting to the point where whenever I see a beloved celebrity’s name trending on Twitter I’m like ‚aaw, please tell me they’re dead, please tell me they’re dead, please tell me they’re dead!'“Trevor Noah, The Daily Show, 10. November 2017 (Der Link führt zu einem Facebook-Video)

Fans, ihr müsst jetzt ganz stark sein


So reagierte der Comedian Trevor Noah in der US-amerikanischen Satiresendung The Daily Show auf den Sexismus-Skandal in Hollywood. Unter dem Hashtag „metoo“ hatten Betroffene sexueller Gewalt über ihre Erfahrungen getwittert. Dabei kamen tausende anonyme Fälle ans Tageslicht, die auf ein strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem aufmerksam machten.

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Harvey Weinstein, links neben ihm steht "Harvey Weinsteins Karriere: 1979 bis 2017"Unter den weniger anonymen Enthüllungen fanden sich zahlreiche berühmte Namen. Die wohl prominentesten Fälle waren Harvey Weinstein, Kevin Spacey und Louis C.K. Der Tod der Karriere ist hier natürlich überspitzt formuliert. Die Zeit wird zeigen, ob die Karrieren nicht irgendwann doch wieder zum Leben erwachen. (Nachtrag vom 28.08.2018) Der Wunsch Trevor Noahs jedoch, diese Prominenten selbst lieber tot zu sehen, mag zynisch klingen. Das ist in erster Linie schwarzer Humor, ein gelungener Gag – doch gleichzeitig ist der Ausspruch bemerkenswert ehrlich aus der Sicht eines Fans.

Was passiert, wenn der Künstler für den Fan gestorben ist?

Fans sind nicht sozial mit dem Künstler verknüpft, sondern mit seiner Kunst. Eigentlich lieben sie nicht ihn, sondern was er erschaffen hat. Stirbt der Künstler, trauert der Fan, weil das Werk beendet ist. Alles, was der Künstler Zeit seines Lebens geschaffen hat, darf munter weiterleben. Was aber passiert, wenn der Künstler für den Fan gestorben ist, weil er etwas komplett Verwerfliches getan hat? Dann ist womöglich sein komplettes Schaffen bedroht, mit der Karriere zu sterben. Tritt also der Sänger der Band Queens Of The Stone Age bei einem Konzert einer Fotografin ins Gesicht, ist das gleichzeitig ein sprichwörtlicher Schlag in die Gesichter aller Fans, die Tritte ins Gesicht verurteilen.

R.I.P. House Of Cards Staffel 1 bis 5 (2012-2017)

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Kevin Spacey, links neben ihm steht "Kevin Spaceys Karriere: 1986 bis 2017"Der Konflikt liegt auf der Hand: Der Fan jubelte dem Künstler jahrelang zu, empfahl ihn weiter und unterstützte ihn sogar finanziell. Plötzlich fühlt es sich falsch an, weil man einen Menschen unterstützte, der womöglich konstant anderen Menschen Schaden zugefügt hat. So ist der Karrieretod für den Fan noch um einiges komplexer.

Da man sich nun irgendwie persönlich damit auseinandersetzen muss, ist es nicht mit einem „R.I.P. David Bowie!“ auf Facebook getan. Der Fan kramt im Nachlass herum und verlangt Antworten, die sich die Fans untereinander nicht geben können. Hier kann man sich nicht geeint trauernd in den Armen liegen, denn viele Fans erkennen den Tod nicht an.

Sie stecken in der ersten Trauerphase fest, der Phase des Leugnens. Da stecken sie gut, denn der Künstler ist ja nicht wirklich tot. Wenn er nun auch noch gar nichts falsch gemacht haben sollte, sind doch alle fein raus. Außer die Betroffenen. Wenn das Leugnen noch nicht so ganz hinhauen will, beruft man sich auf das Recht. Es sei kein richterliches Urteil gefallen, heißt es da. Als würde der Fan auch sonst all seine persönlichen Befindlichkeiten in einem Gerichtssaal entscheiden lassen.

Die Unschuldsvermutung ist gut und richtig für rechtsstaatliche Strafverfahren, die persönliche Auseinandersetzung mit einem Künstler findet jedoch woanders statt. In diesem Denkprozess muss das Szenario vorkommen, dass der Beschuldigte durchaus der Täter sein könnte. Man kann in Ruhe für sich selbst ein Urteil fällen und der mutmaßliche Täter landet dabei nicht im Gefängnis.

Wenn gar nichts mehr geht: Autor töten

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Louis C.K., links neben ihm steht "Louis C.K.s Karriere: 1989 bis 2017"Wenn der Beschuldigte seine Taten so wie Louis C.K. auch noch offen zugibt, wird es langsam eng. So mancher Fan stammelt sich daraufhin den Tod des Autors herbei, einen Aufsatz von Roland Barthes, der dafür plädiert, den Autor komplett vom Werk zu lösen.

Der Tod des Autors funktioniert natürlich dann am besten, wenn man in Zukunft auch von Aussagen wie „der geniale Regisseur X von dem auch der Film Y stammt“ komplett absieht. Wenn man keine Person mehr als Legende, Ikone oder Kultfigur bezeichnet. Und wenn man es überhaupt nicht mehr betrauert, wenn der Autor mal wirklich stirbt. Kurz gesagt: Wir können nicht immer dann schnell den Autor töten, wenn es uns gerade gut in den Kram passt.

Es gibt jenseits des strikten Boykotts keine Lizenz zum guten Gewissen.

Was ist also die Lösung? Wie gehen wir damit um? Die berühmte Frage: Dürfen wir die Werke unserer liebsten Künstler nicht mehr konsumieren, weil die Künstler problematisch sind? Jenseits des strikten Boykotts gibt es kurzfristige Lösungen genauso wenig wie eine Lizenz zum guten Gewissen.

Was können Fans also langfristig tun?

  • Reden ist Gold: Ausgewogen und reflektiert über die Fälle nachzudenken, ist schon einmal viel besser als sie zu leugnen. Wenn man sich immer im Klaren darüber ist, dass derjenige schwere Fehler begangen hat, kann das auf lange Sicht Wirkung zeigen. Fans können es in Gesprächen über die Künstler anmerken, man kann unaufgeregt darüber sprechen. Man stößt die Künstler von ihrem Sockel herunter und lässt ihnen nicht alles durchgehen. So festigt sich ein Bild von Recht und Unrecht, das weiter geht, als auf die Unschuldsvermutung zu pochen. Schweigen ist scheiße, Reden ist Gold.

 

  • Tod des Autors durchziehen: Wenn man schon so sehr auf darauf pocht, den Autor vom Werk zu lösen, könnte man das auch verstärkt durchziehen. Es beflügelt nicht nur die Interpretation, sondern auch den generellen Blick auf die Kunst. Die steht dadurch auf genau dem Sockel, auf dem für manche notorische Namedropper sonst der Künstler steht. Verschwindet der Name hinter der Kunst, verschwindet auch nach und nach die Machtposition des Autors.

 

  • Betroffene schützen: Dass Netflix Kevin Spacey vom Set der sechsten Staffel von House Of Cards entfernt hat, war eine richtige Entscheidung. Es haben mehrere Mitarbeiter Spaceys ausgesagt, dass er auch sie belästigt hat. Da ist die Entscheidung nur konsequent. Nicht um ihn zu bestrafen, sondern um die Betroffenen zu schützen. So ist es wichtig, sie ernst zu nehmen und in den Vordergrund zu rücken. Ihnen pauschal Lug und Trug vorzuwerfen, ist kontraproduktiv. Zusammen mit den ersten Punkten verlieren potenzielle Täter so ihre Machtposition, aus der sie agieren können. Demnach war es auch die richtige Entscheidung von Time Magazine, die Initiatoren von #metoo zur kollektiven ‚Person Of The Year‘ zu ernennen. Ein Fokus auf die Betroffenen hilft zu verstehen, warum das Problem nicht zu ignorieren ist.

Das Jahr 2017 trägt keine Schuld

Zugegeben, Fans stehen in der Verantwortung, es sich bei solch heiklen Themen ein bisschen schwer zu machen. Nimmt man sich selbst und die Problematik ernst, kann sich auf lange Sicht aber auch einiges ändern. Jeder Fan muss sich dafür individuell mit jedem Fall auseinandersetzen. Er muss die berühmte Linie selbst irgendwo ziehen. Wer bei der Thematik aber immer im Mittelpunkt stehen muss, sind

nicht die Künstler,

die Kunst,

oder die Fans.

Das Bild zeigt Umrissporträts der Frauen auf der "Person Of The Year 2017"-Ausgabe des Time Magazines. Von Links oben nach rechts unten: Ashley Judd, Taylor Swift, Isabel Pascual, Adama Iwu, Susan Fowler, und eine anonyme Person von der nur der Ellenbogen zu sehen ist.

Die Frauen auf dem Time Magazine in der „Person Of The Year 2017“-Ausgabe stehen stellvertretend für „Die Silence Breakers“, die dieses Jahr kollektiv die Auszeichnung erhielten. Von Links oben nach rechts unten: Ashley Judd, Taylor Swift, Isabel Pascual, Adama Iwu, Susan Fowler, und eine anonyme Person von der nur der Ellenbogen zu sehen ist. Weitere infos

Sondern die Betroffenen.

Sie sind ernst zu nehmen. Sie verdienen unser Gehör und unseren Schutz. Man kann ihnen Glauben schenken. Betroffene sind niemals selbst Schuld. Auch das Jahr 2017 trägt keine Schuld, die tragen allein die Täter.