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Ready Player One: Wird 2044 ein Scheißjahr? (1)

Das Bild zeigt eine Gegenüberstellung zweier verschiedenfarbiger Rechtecke, jeweils mit der Beschriftung "2044". Eins ist grau und eins ist rosa. Ready Player One hätte sein 2044 auch positiv zeichnen können

Möglicherweise liest jemand im Jahr 2044 diesen Text und straft ihn Lügen: „Doch. Es ist wirklich so schlimm wie im Jahr 2044 des Romans ‚Ready Player One‘. Es ist alles so gekommen. Wir haben viele Kriege, Krisen und Naturkatastrophen erlebt. Das Öl ist uns ausgegangen, wir sind alle arbeitslos und mussten unsere Wohnwagen stapeln.“ In vielerlei Hinsicht blickt ‚Ready Player One‘ äußerst pessimistisch auf die Zukunft, häufig aus den falschen Gründen. Wird 2044 denn wirklich so ein Scheißjahr? Dieser Artikel sagt „Mut zur Utopie!“ und baut die Dystopie ‚Ready Player One‘ um. Der Artikel ist jedoch keine Rezension. Er nimmt den Roman ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

„The Once great Country into which I’d been born now resembled its former self in name only.“Wade Watts

So spricht Protagonist Wade über die Vereinigten Staaten von Amerika, als es um anstehende Wahlen geht. Eine Wahl ändere in der realen Welt nichts mehr, das „einst großartige Land“ sei nun dem Untergang geweiht. Die Zukunft, die Ready Player One zeichnet, ist tatsächlich sehr düster. Kriege und Naturkatastrophen haben die Welt zersetzt, fossile Brennstoffe sind knapp. Menschen in Armut müssen in aufeinander gestapelten Wohnwagen leben. Um dieser Realität zu entfliehen, spielt ein Großteil der Bevölkerung das Virtual-Reality-Spiel OASIS, in dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Ein großer Contest wird mit dem Tod des Lead Designers James Halliday ins Leben gerufen: Im Spiel ist ein Schatz versteckt. Wer diesen findet, erbt den gesamten Besitz des Milliardärs.

OASIS vs. 2044: Utopie in der Dystopie

Es ist nicht unproblematisch, dass der Roman OASIS als erstrebenswerte Utopie für Spielerinnen und Spieler inszeniert (was es nicht ist), während das Spiel in eine fiktive Dystopie eingebettet ist. In der Handlung des Romans ist nur das Fortbestehen der alternativen Realität gefährdet. Die eigentliche Realität scheint ohnehin bereits verloren, aber Hauptsache der OASIS geht’s gut. Dabei hätte das Jahr 2044 eigentlich das Zeug zur Utopie gehabt. Ein paar technologische Voraussetzungen stellt der Roman dafür ganz eigenständig: Autonom fahrende Autos? Yep. Busse mit Elektromotoren? Mhm. Eine Post, in der kein Mensch mehr arbeitet? Möglich. Unbemannte Privatjets? Ambitioniert, aber okay.

Elektromotoren sind jetzt schon mutmaßlich besser als in dem fiktiven Jahr 2044.

Die damit einhergehende, massenhafte Arbeitslosigkeit ist eine Folge davon, muss aber keine Tragödie sein. Mit arbeitenden Robotern könnte die Wirtschaft weiterhin blühen und Menschen müssten weniger arbeiten. Es entstünden womöglich neue Jobs, die mehr Erfüllung versprechen. Außerdem ist es sehr pessimistisch, anzunehmen, dass die Politik wie in Ready Player One nie gescheit auf die Arbeitslosigkeit reagiert hat. Denn in dem Roman wird die Bevölkerung mit knapp bemessenen Lebensmittelmarken abgespeist. Ein Grundeinkommen wäre ein logischer Schritt. So würde eine überwiegend hungernde Bevölkerung, die mit Privilegien aufgewachsen ist, der Regierung auch nicht aufs Dach steigen. Fossile Brennstoffe werden zudem weitgehend unwichtiger. Elektromotoren sind schon jetzt mutmaßlich besser als in dem fiktiven Jahr 2044, das Ready Player One im Jahr 2011 zeichnete.

Ready Player One: Schoolhouse Mock

In vielerlei Hinsicht ähnelt die Vision obendrein viel zu sehr der Gegenwart. Die Schule in Ready Player One ist das beste Beispiel dafür. Hier loggt man sich zu festen Schulzeiten in die OASIS ein, sitzt in einer Klasse vor einem Lehrer (eine reale Person) und erhält Frontalunterricht. Die Schule ist im Roman also im Grunde ein stinknormaler Campus. Hier existiert noch immer Gruppenbildung und hierarchisches Mobbing wie in der gegenwärtigen realen Welt. Der große Unterschied: Man kann das Mobbing stumm schalten. Es ist also immer noch da, man hört es nur nicht mehr.

Die Grundidee, Schule ein Stück weit in die virtuelle Welt zu verlagern, ist eigentlich gar nicht so schlecht. Doch ein Duplikat des Schulsystems in digitaler Form ist an mangelnder Kreativität kaum zu überbieten. Dabei bietet die OASIS das perfekte Umfeld für kreative Lernspiele, die nicht an Schulzeiten und Lehrkräfte gebunden sind. Diese Spiele wären so gut, dass Schülerinnen und Schüler von sich aus lernen wollten. Sie erlernten darin selbstständig und nach eigener Geschwindigkeit, kreative Lösungsansätze für Probleme zu finden. Kooperatives Gameplay mit anderen könnte die soziale Komponente fördern.

Spiele OASIS und ich sag dir, wer du bist

Gaming wird immer wichtiger werden, im Jahr 2044 wird fast jeder spielen.

Auch für die Bevölkerung der OASIS und damit die Geek- und Nerdkultur hat Ready Player One eine eher ernüchternde Vorhersage. Zwar verbringt nahezu jeder Mensch in dem Roman seine Freizeit in der OASIS. Diejenigen, die sich jedoch an dem großen Contest der Haupthandlung des Romans beteiligen, ähneln demographisch dem Bild, das gegenwärtig gerne gezeichnet wird: Überwiegend weiße Männer. Ein paar Asiaten sind auch dabei, die sind aber als Samurais verkleidet, na klar. Wenn Wade auf die weibliche Art3mis trifft, die sich an dem Contest beteiligt, befürchtet er, dass es sich in der Realität um einen 50-jährigen, übergewichtigen Mann namens Chuck handeln könnte, der im Keller seiner Mutter wohnt. Dabei besitzt in den USA schon jetzt ein Großteil der Haushalte eine Spielkonsole und Spielerinnen machen etwa die Hälfte der Spielerschaft aus. Gaming wird immer wichtiger werden, im Jahr 2044 wird fast jeder spielen.

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Ready Player Everyone

Die Spielelandschaft wird immer diverser und barrierefreier werden.

Dass wie in Ready Player One die meisten eher chatten, während eine verhältnismäßig kleine Gruppe sich an dem Contest beteiligt, mag einigen elitären Gamern von heute sehr zusagen. Doch die Spielelandschaft wird sich dagegen entwickeln und immer diverser und barrierefreier werden. Frauen, People Of Color, Menschen mit Behinderungen sowie die LGBTQI-Community werden viel stärker vertreten sein. Der Contest wird nicht nur attraktiv für verschrobene Nerds sein, sondern ein ähnlich wichtiges Ereignis wie die Fußball-WM oder der Superbowl heute. (Zwar bekommt der Contest im Roman durchaus zu Anfang die entsprechende Aufmerksamkeit aufgrund des hohen Preisgeldes, verschwindet aber nach einigen Jahren in der Nerd-Nische.)

Wege in die Utopie 2044

Die Utopie 2044 wird aber natürlich nicht einfach so geschehen. Es gibt durchaus Stolpersteine, die Menschen bis dahin beachten und überwinden müssen. Ready Player One sieht die Probleme nur an den falschen Stellen. Kriege zwischen Staaten kommen bei weiterer Vernetzung immer seltener vor, immer weniger Menschen sterben durch Naturkatastrophen und fossile Brennstoffe werden immer unwichtiger.

Natürlich kann es gut sein, dass der Himmel uns aufgrund des Klimawandels auf den Kopf fällt. Dagegen braucht es weiterhin eine vorwärts gewandte Vorgehensweise. Der tendenziell menschenfeindliche Rechtsruck, eine erzkonservative Politik und die Einschränkung von Grundrechten sind jene Nuancen, die einen Fortschritt in dieser Hinsicht blockieren könnten. Einfach so von einer fatalen Zukunftspolitik auszugehen, ist jedoch kontraproduktiv. Denn in der wirklichen Welt ist zumindest davon auszugehen, dass Wahlen tatsächlich noch etwas bewirken. Ready Player One gibt die Demokratie dagegen einfach auf. Und da liegt das eigentliche Problem begraben.

It didn’t matter who was in charge. Those people were rearranging chairs on the Titanic and everyone knew it.Wade Watts

Während die Bildung, Gesundheit und die Sicherheit global immer besser wird, leben tendenziell mehr Menschen in Autokratien als noch vor einigen Jahren. Mit eingeschränkter Presse- und Meinungsfreiheit wäre eine OASIS, die vom Staat unberührt bleibt, gar nicht möglich. Wenn Ready Player One unbedingt eine Dystopie sein musste, hätte es eine sein können, in der Kunst-, Presse und Meinungsfreiheit bedroht wäre. Oder es hätte durchaus Mut zur Utopie beweisen können, in der eine utopische virtuelle Realität mit der utopischen Realität konkurrieren müsste.

Ready Player One: Ist die OASIS ein gutes Spiel? (2)

Die OASIS ist ein System, das nur mit Geld funktioniert. Das Bild zeigt eine VR-Brille mit der Aufschrift "Insert Coin".

Virtual Reality bleibt noch immer hinter den Erwartungen zurück. Eine vielversprechende Technologie, die Immersion verspricht, sicher. Doch die Brillen sind gegenwärtig noch zu teuer und die Spiele nicht gut genug. In der ‚OASIS‘ ist das anders. Das Spiel in dem Roman ‚Ready Player One‘ verspricht die Zukunftsvision eines VR-Spiels, in dem sich fast jeder verliert. Hier können Spielende tun und lassen, was sie wollen. Im Kern steht eine Schnitzeljagd: Wer die popkulturell aufgeladenen Rätsel entschlüsselt und gewinnt, erbt den gesamten Besitz des Lead-Designers James Halliday, inklusive des Spiels. Ein genauerer Blick verrät jedoch, dass die spielerische Utopie gar nicht so rosig aussieht. Denn Spielende von heute würden die ‚OASIS‘ schwer bestrafen. Dieser Artikel ist keine Rezension. Er nimmt den Roman ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

Wade Watts, der Protagonist des Romans Ready Player One loggt sich in die OASIS ein. Damit loggt er sich quasi aus seiner tragischen Existenz als verarmter Teenager in einer Dystopie aus. In der OASIS angekommen, kann er quasi alles machen. Jeden Film gucken, jedes Spiel spielen, Musik hören, Leute treffen – hier sind ihm vermeintlich keine Grenzen gesetzt. Richtig gelesen, vermeintlich. Denn in der OASIS hat es gerade jemand wie Wade Watts schwer. Wade hat nämlich kein Geld in der realen Welt. Die OASIS kostet inklusive Hardware nur 25 Cent, in Anlehnung an den Vierteldollar, den man einst in Arcade-Maschinen in der Spielhalle steckte. Damit ist die OASIS quasi free-to-play, also so günstig, dass jeder sich Spiel und Gerät leisten kann.

(Un-)Ready Player One: Pay to play

Das Spiel läuft dementsprechend allerdings auch unter pay-to-win. Nur wer Echtgeld in das Spiel reinsteckt, hat die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Transportation kostet Geld, also Teleportation oder auch Treibstoff, falls man sich für Geld ein Raumschiff gekauft hat. Zwar ist es ab einem bestimmten Punkt möglich, diese Ausgaben mit der virtuellen Währung zu bestreiten, die man durchs Spielen verdient. Doch das ist auch nur begrenzt möglich und um dort erst einmal hinzukommen, benötigt es eine Startinvestition.

Grenzen sind programmatisch für dieses Spiel

Auf dem Ausgangsplaneten für Avatare gibt es keine Möglichkeiten, Credits zu sammeln oder seinen Level zu verbessern. Auf anderen Planeten blühen dagegen Fantasy- und Science-Fiction-Welten. Der Herr Der Ringe-, World Of Warcraft– oder Star Trek-Planeten lassen sich in virtueller Realität spielerisch erkunden. Die meisten Oasis-Einwohner scheint das nicht allzu sehr zu interessieren, da sie die OASIS lieber als soziales Netzwerk verwenden. Das ist allerdings erstens ein schwacher Trost für jene, die spielen und sich an dem Contest beteiligen wollen und zweitens auch ein Armutszeugnis für ein Spiel mit unbegrenzten Möglichkeiten. Doch Grenzen sind programmatisch für dieses Spiel in dieser Welt.

OASIS: Bitte Geld einwerfen

Wer mehr Geld hat, hat auch mehr Macht

Die OASIS ist strukturell leider nicht mehr als ein Abbild der dystopischen Realität von Ready Player One. Hier ist die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinandergedriftet, dass die verarmte Mehrheit handlungsunfähig ist. Wer mehr Geld hat, hat auch mehr Macht. Da ist es kaum verwunderlich, dass rund um den Contest auch wirtschaftliche Interessen entstehen und bestens blühen können. Mit Innovative Online Industries (kurz IOI) hat sich eine bezahlte Armee rund um den Contest gebildet. Mit schier endlosen wirtschaftlichen Mitteln kann das Unternehmen Spielende bezahlen sowie Waffen und Fahrzeuge en masse kaufen. Die Soldaten, die sogenannten Sechser, sind im Grunde kein ungünstiges Nebenprodukt des Contest, sondern eine Konsequenz aus schlechtem Design.

„Mit Wissen gewinnst du die halbe Schlacht.“
Wade Watts

Wade hat mit diesem Statement natürlich nicht Unrecht. Der Contest ist auf popkulturellen Rätseln aufgebaut, die ein enormes Wissen abverlangen. Doch mit Geld gewinnst du die erstens andere Hälfte. Und zweitens haben gerade Zusammenschlüsse von Spielenden viel bessere Chancen für den Contest. Da es um viel Geld geht, entsteht keine freudige Community um OASIS, die online Geheimnisse austauscht. In Gruppen jedoch, die sich den Gewinn teilen wollen, arbeitet man zusammen. So hat IOI einen immensen Vorteil gegenüber einem Wade Watts, der alleine vorgeht. Dieser Vorteil heißt Schwarmintelligenz. Die einzige Erklärung, dass die Sechser nicht schon nach kürzester Zeit alle Rätsel geknackt haben, ist nur darin zu finden, dass sie allesamt böse auf den Kopf gefallen sind.

Ready P(l)ayer One

In Anbetracht dieses Gamedesigns kann man davon ausgehen, dass Spielende von heute bei einer Veröffentlichung der OASIS nicht sehr erfreut wären. Zwar verteidigen Fans häufig ihre liebsten Spiele und Spielentwickler vehement vor Kritik. Viele sehen noch immer über Rassismus und Sexismus in der Gamesbranche hinweg. Eine Sache jedoch dulden sie nicht und strafen Spiele mit Boykott: Mikrotransaktionen. Echtgeldkäufe, die im Spiel einen Vorteil bewirken.

Abgesehen vom Contest scheint die OASIS auch kein übergeordnetes Narrativ zu bieten. Es ist zwar immer von Quests die Rede, also Aufgaben, die es zu erledigen gibt. Diese scheinen jedoch nicht wirklich zusammen zu hängen und aus dem bunten Popkultur-Potpourri der OASIS zusammengewürfelt zu sein. Ein Spiel, in dem Spielende alles machen können, hört sich zwar gut an, es fehlt jedoch ein Fokus. Hier könnten Grenzen und Regeln das Spielerlebnis tatsächlich aufwerten. Die Inhalte auf den Planeten, die altbekannte Narrative wie z.B. Der Herr Der Ringe versprechen, stammen nicht von James Halliday selbst, sondern von anderen Entwicklern, die sich dem System der OASIS beugen müssen.

Das wirft auch ein schummriges Licht auf die die Monopolstellung des Spiels. Das zuständige Unternehmen Gregarious Simulation Systems (kurz GSS) flutet mit seiner wirtschaftlichen Übermacht den VR-Markt. Neue Spiele erscheinen demnach innerhalb der OASIS. Andere Systeme scheinen in der Welt von Ready Player One nicht mehr zu existieren. Dagegen wäre ein Spiel, auf dem man zu Anfang nur auf einem Planeten leben könnte, der keine Möglichkeiten bietet, sofern man nicht dafür bezahlt, ein guter Anlass, ein anderes Spiel zu spielen.

Personenkult in Ready Player One: James Halliday ist doohoof! (3)

James Halliday sei ein großes Genie und ein Gott der Geeks, so sagen seine Fans. Auf dem Bild steht auf dunklem Hintergrund in pinken Großbuchstaben "GENIAL." geschrieben

In der Gameswelt ist eine Konstante gewiss: Der Kult um die Schöpfer. Hideo Kojima, Peter Molyneux, Jonathan Blow, Hidetaka Miyazaki. Scheinbar gottgleiche Männer, die diese Welten erschufen, in denen Fans so gerne Zeit verbringen. Der Roman ‚Ready Player One‘ hat seinen Heiland in James Halliday gefunden. Spieleentwickler des Spiels ‚OASIS‘ und Gott der Nerds. Doch schnell wird klar: Wie alle anderen sogenannten ‚Genies‘ ist auch dieses alles andere als unfehlbar. Es ist also Zeit, den selbstverliebten, konservativen Geldsack James Halliday vom Sockel zu stoßen. Dieser Artikel ist keine Rezension. Er nimmt den Roman ‚Ready Player One‘ ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

„The more I’d learned about Halliday’s life, the more I’d grown to idolize him. He was a god among geeks, a nerd über-deity on the level of Gygax, Garriott and Gates.“Wade Watts

Die Letzten würden die Ersten sein – der große amerikanische Traum für Geeks

Was hat James Halliday denn geleistet? Er hat zusammen mit seinem Kollegen Ogden Morrow das Unternehmen Gregarious Simulation Systems (GSS) gegründet und die OASIS entwickelt. Das wohl erfolgreichste Spiel aller Zeiten. Dadurch wurde aus GSS das größte Unternehmen und Halliday zum reichsten Mann der Welt. Als Bilderbuch-Nerd mauserte er sich folglich zur größten Inspiration für Spielende weltweit. Aus einer schweren Kindheit könne also einer der mächtigsten Menschen aller Zeiten entwachsen. Die Letzten würden die Ersten sein – der große amerikanische Traum für Geeks. Endlich konnten jene, die seit Jahren Partys mit auswendig gelernten Filmzitaten aufmischen, so richtig im Leben punkten. Was sich als glühende Machtfantasie aufwachsender Jugendlicher manifestiert, ist bei genauerem Hinsehen das Versäumnis einer gesunden Vorbildfunktion.

Oh praise the lord James Halliday

James Hallidays Tod initiiert einen Contest in der OASIS, das gesamte Vermögen ist der Preis. Die volle Kontrolle über die OASIS ist mit inbegriffen. Zwar steckt in Ready Player One die ganze Welt in der Krise und ein Großteil der Bevölkerung ist verarmt. Der reichste Mann der Welt hatte aber zu Lebzeiten keine Ideen, sein Geld für etwas Gutes einzusetzen. Stattdessen haut er es für eine große Sammlung Arcade-Maschinen raus. Und im Endeffekt vererbt James Halliday seinen ganzen Reichtum dem Zufall. Dieser Zufall steht jedoch sehr zugunsten anderer reicher Menschen, wie wir bereits gelernt haben. Natürlich kann er mit seinem Reichtum anstellen, was er will. Doch rechtfertigt das seine fast schon göttliche Vorbildposition?

Wade ginge komplett in seinem Reichtum auf

Interessant ist auch, wie sich Hallidays Vorbild auf seine potenziellen Erben auswirkt. Als Wade Watts mit dem weiblichen Avatar Art3mis ausdiskutiert, was sie mit dem Geld anstellen würden, kommen sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Wade ginge komplett in seinem Reichtum auf, würde sich Luxusgüter en masse kaufen. Art3mis hingegen täte alles dafür, der Allgemeinheit zu helfen. Ein Vorhaben, das Wade eher belächelt. Ist es dagegen nicht eigentlich befremdlich, in einer verarmten, zerstörten Welt von persönlichem Reichtum zu träumen?

Jene reichen alten Männer, die sich kindlich in Nachbauten von popkulturellen Schlössern zurückziehen, sind im gebeutelten Jahr 2044 die Helden der ganzen Welt. Nebenbei verhungert am Stadtrand ein Großteil der Bevölkerung. Das müsste eigentlich eine absurde Vorstellung für jemanden wie Wade sein, der in einem dieser Ghettos lebt. Der persönlicher Traum vom Tellerwäscher zum Millionär ist jedoch wichtiger als das Allgemeinwohl. Der Drang berühmt und mächtig zu werden, überträgt sich von Hallidays auf Wade, der sich im Verlaufe des Contests immer weiter dem Größenwahn hingibt.

Papa Popkultur

Der Contest könnte Kreativität fördern

Der Weg, an das Preisgeld zu kommen, ist dabei besonders perfide. Die Rätsel und Aufgaben sind um das Leben und die Vorlieben von Halliday designt. Unter dem Vorwand, den jungen Spielenden die Perlen der 80er-Jahre nahe zu bringen, zwingt Halliday sie, in unendlicher Fleißarbeit die gleichen Dinge zu konsumieren, zu mögen und auswendig zu lernen. Dabei könnte der Contest Kreativität fördern. Er könnte spielerisch motivieren, Fertigkeiten zu erlernen, die die Welt weiterbringen. Spielende könnten Elektromotoren verbessern, in Simulationen innerhalb der OASIS Lösungen für Wasserknappheit erarbeiten. Sie würden selbst Spiele entwickeln, die einen Lerneffekt hätten und Probleme lösen könnten. Stattdessen ist der Contest ein stumpfes Memory voller auswendig gelernter Zitate aus den 80er-Jahren.

James Halliday ist der schrullige Papa mit dem ausgewaschenen Pink Floyd-Shirt

James Hallidays Fixierung auf die Popkultur der 80er ist obendrein noch ein sehr konservativer und pessimistischer Ansatz. Für Halliday schien das Jahrzehnt trotz schwerer Kindheit die Perfektion erreicht zu haben. In alten Stoffen stecken jedoch auch alte Werte. Eine Fixierung auf die Vergangenheit klammert eine potenziell vielversprechende Gegenwart sowie die Zukunft aus. So scheint es für Halliday undenkbar, dass kurz nach dem Release des Romans das Game Journey (2012) die ganze Videospiellandschaft verzaubert. Dass mit Her (2013) und Arrival (2016) die Speerspitzen des Sci-Fi-Genres frische Gesellschaft erhalten. Dass eine Serie wie Halt & Catch Fire (2014-17) das Leben in der 80er-Jahre viel besser erzählt, als es eine Aneinanderreihung von Popkultur-Zitaten es je vermochte. Halliday ist der schrullige Papa mit dem ausgewaschenen Pink Floyd-Shirt, der ‚dem Sohnemann‘ immer mal wieder ’seine alten Rush-Platten‘ aufzwingt. Hach damals, diese schönen Zeiten, als es noch die ‚richtige Gitarrenmusik‘ gab.

Latin’s dead, baby. Latin’s dead.

Der Fokus des Contests liegt aber nicht nur auf eingestaubter Popkultur, sondern auch auf James Halliday selbst. Um zu gewinnen, müssen Fans dessen Memoiren mehrfach verschlungen, sein Leben nachempfunden und komplett durchdrungen haben. Dass die Spielenden irgendwann komplett im Personenkult aufgehen, ist daher wenig verwunderlich. Der Fokus auf die Persona Halliday überträgt sich folglich auch auf dessen Jünger. Wade Watts lernt nach seinem Vorbild in der Schule lieber die tote Sprache Latein, um einen Vorteil für den Contest zu erhalten. Jede andere Wahl hätte ihm immerhin die Kommunikation in einer komplett vernetzten Welt erleichtert. Die Memoiren sind Wades Lieblingsbuch und die nie enden wollende Aufgabe seines Lebens, ist die Lieblingspopkultur seiner Vaterfigur James Halliday zu konsumieren.

Doch wie wertvoll kann eine Vaterfigur sein, die nur an ihrem Reichtum gemessen wird? Vielleicht sollten wir in Zukunft viel eher darauf schauen, was unsere sorgfältig gewählten Vorbilder tatsächlich für das Allgemeinwohl geleistet haben, anstatt auf blanke Zahlen und Erfolge zu blicken.

 

Braune Botschaften: Rechtsextreme Songtexte von Burzum

Auf dem Bild sind die Wörter "Musik" und Politik direkt übereinander geschrieben, sodass sie schwer auseinander zu halten sind

Ein T-Shirt erregte Aufsehen: Daniel Vávra, ein Entwickler des Games ‚Kingdom Come: Deliverance‘, trug den Namen Burzum während eines Pressetermins auf der Brust. Dabei ist es bekannt, dass der Kopf dieser norwegischen Metalband ein überzeugter Rassist ist. Burzum ist bei Fans damit wahrscheinlich eins der Paradebeispiele für den Willen, den Künstler von der Kunst zu trennen. Varg Vikernes sei ein Spinner, so heißt es häufig. Solange aber dessen Musik selbst unpolitisch sei, könne man diese getrennt von ihm bewerten. Da lohnt sich doch ein Blick auf die Texte der Band, um zu überprüfen, ob sie denn überhaupt unproblematisch sind. Es stellt sich heraus: Der hier besprochene Songtext transportiert offen nationalsozialistisches Gedankengut.

Ein T-Shirt von Burzum zu tragen ist im Grunde schon Alarmsignal genug. Varg Vikernes ist ein verurteilter Mörder und für seine Ansichten in der Szene berüchtigt. Auf einem Presseevent mit Interviews vor laufenden Kameras das Logo der Band zur Schau zu stellen, kann man also durchaus als Statement werten. (Was ist eigentlich passiert? Es ging in der Geschichte natürlich nicht nur um ein Shirt. Hier soll es aber vor allem um Burzum gehen. Eine Zusammenfassung liest du hier.) Das Statement könnte zum Beispiel die offen rechtsradikale Gesinnung von Vikernes stützen. Das Argument, nur die unpolitische Musik damit unterstützen zu wollen, ist nicht unproblematisch. Fans bringen es jedoch gerne bei einer solchen Thematik hervor. Burzum sei ein großer Einfluss auf den Black Metal gewesen, deshalb wollen sich viele von der Musik nicht lösen. Was ist jedoch, wenn schon die Musik ebenfalls klare politische Botschaften transportiert?

Kontaminierte Begriffe in der Alltagssprache

Die Nationalsozialisten lenkten die Sprache bewusst als politisches Instrument.

Einige Begriffe unserer Alltagssprache sind seit dem Nationalsozialismus mit dessen Ideologie belastet. Häufig ist das den Sprecherinnen und Sprechern gar nicht bewusst. Ein Beispiel ist der Begriff ‚Drittes Reich‚, der heute alltäglich synonym mit der NS-Zeit genutzt wird. Dabei ist der Begriff ein ideologisch gefärbter Propagandabegriff, den die Nazis für sich beanspruchten und umdeuteten. Sie überließen dabei nichts dem Zufall und lenkten die Sprache bewusst als politisches Instrument. Die Propaganda war damals also so fest mit der Sprache verwoben, dass sie noch heute darin zu finden ist.

Ein weiteres bekanntes Beispiel ist der Ausdruck ‚Jedem das Seine‘, der am Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald zu lesen war. ‚Jedem das Seine‘ war ursprünglich ein Prinzip für Verteilungsgerechtigkeit, das auf philosophische Theorien der Antike zurückgeht. Die Nazis haben es für sich beansprucht und umgekehrt. Aus einem Spruch, der für eines Jeden Recht einsteht, machten sie somit die zynische Behauptung, die KZ-Insassen hätten ihre Strafe verdient.

Das Bild zeigt den Spruch "Jedem das Seine" an der Eingangstür des Konzentrationslagers Buchenwald

Der Schriftzug im Konzentrationslager Buchenwald war so angebracht, dass er für die Gefangenen von innen zu lesen war. Bild: Clemensfranz (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons.

Die hier thematisierten Texte von Burzum sind teilweise überraschend direkt und gehen über unterschwellig kontaminierte Begriffe hinaus. Der Songtitel „Envher Till Sitt“ vom Album Fallen (2011) wird auf der Website* mit „Each Man To His Own“ übersetzt, zu deutsch: „Jedem das Seine“. Der Zusatz in der englischen Tracklist „meaning ‚Each Man Gets What He Deserves'“ macht noch einmal deutlich, wohin die Reise genau gehen soll. Man könnte es sonst ja glatt im philosophisch-moralischen Sinne verstehen. Wem das noch zu weit hergeholt ist, schaut sich den nächsten Song an. „Budstikken“, der den deutschen Titel „Die Botschaft“ trägt, beinhaltet ganz offensichtliche nationalsozialistische Ideologien.

Die Botschaft von Burzum

In dem Song „Budstikken“ greift Burzum die Rassentheorie der Nazis auf.

Der Song ist ein Schlachtruf („Die Axtzeit ist gekommen“), was unter einem Aspekt besonders bedenklich ist: In „Budstikken“ greift Burzum die Rassentheorie der Nazis auf. Diese Theorie beruht auf dem Konzept einer ’nordisch-arischen Herrenrasse‘. Häufig ist dort von Blut die Rede. Wer ‚guten Blutes‘ war, hatte solange wenig zu befürchten, bis er sich der sogenannten ‚Rassenschande‘ schuldig machte. Darunter verstanden die Nazis vor allem die Ehe und sexuelle Kontakte mit Juden. In dem Song „Budstikken“ ist nun wortwörtlich die Rede von der „Erinnerung des göttlichen Blutes. / Nicht geschändet. Nicht beschmutzt. / Asgards rotes Gold.“ (Asgard ist ein Ort in der nordischen Mythologie.)

Nun könnte man vielleicht gerade noch so argumentieren, dass das im Black Metal nicht ungewöhnlich sei. Krieg, Blut und nordische Mythologie treffe man hier doch immer wieder an. (Auch wenn man damit den Aspekt des ’nicht beschmutzten‘ Blutes ausklammert.) Aber das war noch nicht alles. „Vorwärts für König und Vaterland“ heißt es da später im Text und fügt dem noch eine Portion Nationalismus hinzu. Doch die folgende Zeile setzt dem Text die Krone auf klebt dem Text das Bärtchen an: „Vorwärts für all unser Blut und all unseren Boden.“

In diesem Teil zitiert Burzum Nazirhetorik wortwörtlich. Es steht nicht zwischen den Zeilen, sondern mittendrin: ‚Blut und Boden‚ ist eine agrarpolitische Ideologie, die die Nationalsozialisten aktiv propagierten. Sie fußt darauf, dass einer gewissen Abstammung auch ein gewisser Boden zustehe. Die Ideologie diente somit als Legitimierung einer ‚Eindeutschung‘ und der Eroberung anderer Länder. Das ist nicht zu unterschätzen. Nicht zuletzt jubelt der Song in Form eines Schlachtrufes den Konsumenten hier einen zutiefst rechtsextremistischen Code unter.

Die Botschaft von Varg Vikernes

Die Gesinnung ist zweifellos drin.

Es wäre jetzt möglich, diese Argumentation noch durch Interview-Aussagen von Varg Vikernes zu unterfüttern. Doch das ist hier nicht das Thema: Hier geht es um die Musik, die die Fans so gerne vom Musiker trennen würden. Es zeigt sich jedoch allein in seinen Texten: Sie sind nicht zu trennen. In dem Moment, in dem ein Rechtsextremer diese Zeilen singt, lässt sich auch nichts mehr mit nordischer Mythologie relativieren. Die Gesinnung ist zweifellos drin. Das Werk von Burzum ist spätestens mit dem Album Fallen mit rechtem Gedankengut assoziiert. Der Name Burzum steht also dafür. Jedes T-Shirt mit dem Aufdruck steht dafür. Das ist nicht vermeidbar.

Viele werden aus diesem Artikel nichts Neues gelernt haben. Dass man mit dem Konsum der Musik einen rechtsextremen Mörder unterstützt, war doch eigentlich allen klar. Aber niemand, der diesen Text gelesen hat, kann noch die Musik hören und den Vorwand vorschieben, sie sei unpolitisch oder nicht von Vikernes‘ Gesinnung gefärbt.

 

*Hier steht ganz bewusst kein Link zur Website von Burzum, um dieser keine Plattform zu bieten. In diesem Artikel soll möglichst wenig von Varg Vikernes‘ Gedankengut stehen. Es ist natürlich immer heikel, rechtextremes Gedankengut abzubilden, auch wenn es wie hier eindeutig in der Kritik steht. In der Diskussion ist nur genau das das Problem: Rechtes Gedankengut bleibt unkommentiert stehen. Die Relativierung von Burzums Songtexten ist fatal. Dieser Text ist deshalb eine Formalität, um das einmal klar zu stellen.


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Fuck 2017? – Fans im Jahr der Karrieretode

Spätestens mit George Michael, der ausgerechnet am 25. Dezember letzten Jahres starb, war das Maß voll. „FUCK 2016!“, tönte es zum Ende des Jahres massenweise durch die sozialen Netzwerke. Das Jahr 2016 ist schuldig im Sinne der Anklage: ein verurteilter Serienmörder, der den Fans reihenweise beliebte Rockstars nahm. Es war also nicht das Alter, das die vielen Musiker langsam zur Strecke gebracht hatte. Es musste irgendetwas mit dem verflixten Jahr zu tun gehabt haben. 2017 ist fast überstanden und das Heldensterben ging weiter. In diesem Artikel geht es aber nicht um die Stars, die tatsächlich dieses Jahr gestorben sind – mögen sie in Frieden ruhen. Die hier thematisierten Hollywoodstars starben nicht wirklich, sondern ihre Karrieren. Für die Fans dieser großen Namen ist das gewissermaßen schlimmer als der Tod.

 

Wann immer ich den Namen eines geliebten Prominenten auf Twitter durchstarten sehe, denke ich ‚bitte sei tot, bitte sei tot, bitte sei tot!‘

„[I]t’s getting to the point where whenever I see a beloved celebrity’s name trending on Twitter I’m like ‚aaw, please tell me they’re dead, please tell me they’re dead, please tell me they’re dead!'“Trevor Noah, The Daily Show, 10. November 2017 (Der Link führt zu einem Facebook-Video)

Fans, ihr müsst jetzt ganz stark sein


So reagierte der Comedian Trevor Noah in der US-amerikanischen Satiresendung The Daily Show auf den Sexismus-Skandal in Hollywood. Unter dem Hashtag „metoo“ hatten Betroffene sexueller Gewalt über ihre Erfahrungen getwittert. Dabei kamen tausende anonyme Fälle ans Tageslicht, die auf ein strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem aufmerksam machten.

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Harvey Weinstein, links neben ihm steht "Harvey Weinsteins Karriere: 1979 bis 2017"Unter den weniger anonymen Enthüllungen fanden sich zahlreiche berühmte Namen. Die wohl prominentesten Fälle waren Harvey Weinstein, Kevin Spacey und Louis C.K. Der Tod der Karriere ist hier natürlich überspitzt formuliert. Die Zeit wird zeigen, ob die Karrieren nicht irgendwann doch wieder zum Leben erwachen. Der Wunsch Trevor Noahs jedoch, diese Prominenten selbst lieber tot zu sehen, mag zynisch klingen. Das ist in erster Linie schwarzer Humor, ein gelungener Gag – doch gleichzeitig ist der Ausspruch bemerkenswert ehrlich aus der Sicht eines Fans.

Was passiert, wenn der Künstler für den Fan gestorben ist?

Fans sind nicht sozial mit dem Künstler verknüpft, sondern mit seiner Kunst. Sie lieben nicht ihn, sondern was er erschaffen hat. Stirbt der Künstler, trauert der Fan, weil das Werk beendet ist. Alles, was der Künstler Zeit seines Lebens geschaffen hat, darf munter weiterleben. Was aber passiert, wenn der Künstler für den Fan gestorben ist, weil er etwas komplett Verwerfliches getan hat? Dann ist womöglich sein komplettes Schaffen bedroht, mit der Karriere zu sterben. Tritt also der Sänger der Band Queens Of The Stone Age bei einem Konzert einer Fotografin ins Gesicht, ist das gleichzeitig ein sprichwörtlicher Schlag in die Gesichter aller Fans, die Tritte ins Gesicht verurteilen.

R.I.P. House Of Cards Staffel 1 bis 5 (2012-2017)

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Kevin Spacey, links neben ihm steht "Kevin Spaceys Karriere: 1986 bis 2017"Der Konflikt liegt auf der Hand: Der Fan jubelte dem Künstler jahrelang zu, empfahl ihn weiter und unterstützte ihn sogar finanziell. Plötzlich fühlt es sich falsch an, weil man einen Menschen unterstützte, der womöglich konstant anderen Menschen Schaden zugefügt hat. So ist der Karrieretod für den Fan noch um einiges komplexer.

Da man sich nun irgendwie persönlich damit auseinandersetzen muss, ist es nicht mit einem „R.I.P. David Bowie!“ auf Facebook getan. Der Fan kramt im Nachlass herum und verlangt Antworten, die sich die Fans untereinander nicht geben können. Hier kann man sich nicht geeint trauernd in den Armen liegen, denn viele Fans erkennen den Tod nicht an.

Sie stecken in der ersten Trauerphase fest, der Phase des Leugnens. Da stecken sie gut, denn der Künstler ist ja nicht wirklich tot. Wenn er nun auch noch gar nichts falsch gemacht haben sollte, sind doch alle fein raus. Außer die Betroffenen. Wenn das Leugnen noch nicht so ganz hinhauen will, beruft man sich auf das Recht. Es sei kein richterliches Urteil gefallen, heißt es da. Als würde der Fan auch sonst all seine persönlichen Befindlichkeiten in einem Gerichtssaal entscheiden lassen.

Die Unschuldsvermutung ist gut und richtig für rechtsstaatliche Strafverfahren, die persönliche Auseinandersetzung mit einem Künstler findet jedoch woanders statt. In diesem Denkprozess muss das Szenario vorkommen, dass der Beschuldigte der Täter sein könnte. Man kann in Ruhe für sich selbst ein Urteil fällen und der mutmaßliche Täter landet dabei nicht im Gefängnis.

Wenn gar nichts mehr geht: Autor töten

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Louis C.K., links neben ihm steht "Louis C.K.s Karriere: 1989 bis 2017"Wenn der Beschuldigte seine Taten so wie Louis C.K. auch noch offen zugibt, wird es langsam eng. So mancher Fan stammelt sich daraufhin den Tod des Autors herbei, einen Aufsatz von Roland Barthes, der dafür plädiert, den Autor komplett vom Werk zu lösen.

Der Tod des Autors funktioniert natürlich dann am besten, wenn man in Zukunft auch von Aussagen wie „der geniale Regisseur X von dem auch der Film Y stammt“ komplett absieht. Wenn man keine Person mehr als Legende, Ikone oder Kultfigur bezeichnet. Und wenn man es überhaupt nicht mehr betrauert, wenn der Autor mal wirklich stirbt. Kurz gesagt: Wir können nicht immer dann schnell den Autor töten, wenn es uns gerade gut in den Kram passt.

Es gibt jenseits des strikten Boykotts keine Lizenz zum guten Gewissen.

Was ist also die Lösung? Wie gehen wir damit um? Die berühmte Frage: Dürfen wir die Werke unserer liebsten Künstler nicht mehr konsumieren, weil die Künstler problematisch sind? Jenseits des strikten Boykotts gibt es kurzfristige Lösungen genauso wenig wie eine Lizenz zum guten Gewissen.

Was können Fans also langfristig tun?

  • Reden ist Gold: Ausgewogen und reflektiert über die Fälle nachzudenken, ist schon einmal viel besser als sie zu leugnen. Wenn man sich immer im Klaren darüber ist, dass derjenige schwere Fehler begangen hat, kann das auf lange Sicht Wirkung zeigen. Fans können es in Gesprächen über die Künstler anmerken, man kann unaufgeregt darüber sprechen. Man stößt die Künstler von ihrem Sockel herunter und lässt ihnen nicht alles durchgehen. So festigt sich ein Bild von Recht und Unrecht, das weiter geht, als auf die Unschuldsvermutung zu pochen. Schweigen ist scheiße, Reden ist Gold.

 

  • Tod des Autors durchziehen: Wenn man schon so sehr auf darauf pocht, den Autor vom Werk zu lösen, könnte man das auch verstärkt durchziehen. Es beflügelt nicht nur die Interpretation, sondern auch den generellen Blick auf die Kunst. Die steht dadurch auf genau dem Sockel, auf dem für manche notorische Namedropper sonst der Künstler steht. Verschwindet der Name hinter der Kunst, verschwindet auch nach und nach die Machtposition des Autors.

 

  • Betroffene schützen: Dass Netflix Kevin Spacey vom Set der sechsten Staffel von House Of Cards entfernt hat, war eine richtige Entscheidung. Es haben mehrere Mitarbeiter Spaceys ausgesagt, dass er auch sie belästigt hat. Da ist die Entscheidung nur konsequent. Nicht um ihn zu bestrafen, sondern um die Betroffenen zu schützen. So ist es wichtig, sie ernst zu nehmen und in den Vordergrund zu rücken. Ihnen pauschal Lug und Trug vorzuwerfen, ist kontraproduktiv. Zusammen mit den ersten Punkten verlieren potenzielle Täter so ihre Machtposition, aus der sie agieren können. Demnach war es auch die richtige Entscheidung von Time Magazine, die Initiatoren der #metoo-Debatte zur kollektiven ‚Person Of The Year‘ zu ernennen. Ein Fokus auf die Betroffenen hilft zu verstehen, warum das Problem nicht zu ignorieren ist.

Das Jahr 2017 trägt keine Schuld

Zugegeben, Fans stehen in der Verantwortung, es sich bei solch heiklen Themen ein bisschen schwer zu machen. Nimmt man sich selbst und die Problematik ernst, kann sich auf lange Sicht aber auch einiges ändern. Jeder Fan muss sich dafür individuell mit jedem Fall auseinandersetzen. Er muss die berühmte Linie selbst irgendwo ziehen. Wer bei der Thematik aber immer im Mittelpunkt stehen muss, sind

nicht die Künstler,

die Kunst,

oder die Fans.

Das Bild zeigt Umrissporträts der Frauen auf der "Person Of The Year 2017"-Ausgabe des Time Magazines. Von Links oben nach rechts unten: Ashley Judd, Taylor Swift, Isabel Pascual, Adama Iwu, Susan Fowler, und eine anonyme Person von der nur der Ellenbogen zu sehen ist.

Die Frauen auf dem Time Magazine in der „Person Of The Year 2017“-Ausgabe stehen stellvertretend für „Die Silence Breakers“, die dieses Jahr kollektiv die Auszeichnung erhielten. Von Links oben nach rechts unten: Ashley Judd, Taylor Swift, Isabel Pascual, Adama Iwu, Susan Fowler, und eine anonyme Person von der nur der Ellenbogen zu sehen ist. Weitere infos

Sondern die Betroffenen.

Sie sind ernst zu nehmen. Sie verdienen unser Gehör und unseren Schutz. Man kann ihnen Glauben schenken. Betroffene sind niemals selbst Schuld. Auch das Jahr 2017 trägt keine Schuld, die tragen allein die Täter.