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Fuck 2017? – Fans im Jahr der Karrieretode

Spätestens mit George Michael, der ausgerechnet am 25. Dezember letzten Jahres starb, war das Maß voll. “FUCK 2016!”, tönte es zum Ende des Jahres massenweise durch die sozialen Netzwerke. Das Jahr 2016 ist schuldig im Sinne der Anklage: ein verurteilter Serienmörder, der den Fans reihenweise beliebte Rockstars nahm. Es war also nicht das Alter, das die vielen Musiker langsam zur Strecke gebracht hatte. Es musste irgendetwas mit dem verflixten Jahr zu tun gehabt haben. 2017 ist fast überstanden und das Heldensterben ging weiter. In diesem Artikel geht es aber nicht um die Stars, die tatsächlich dieses Jahr gestorben sind – mögen sie in Frieden ruhen. Die hier thematisierten Hollywoodstars starben nicht wirklich, sondern ihre Karrieren. Für die Fans dieser großen Namen ist das gewissermaßen schlimmer als der Tod.

 

Wann immer ich den Namen eines geliebten Prominenten auf Twitter durchstarten sehe, denke ich ‘bitte sei tot, bitte sei tot, bitte sei tot!’

“[I]t’s getting to the point where whenever I see a beloved celebrity’s name trending on Twitter I’m like ‘aaw, please tell me they’re dead, please tell me they’re dead, please tell me they’re dead!'”Trevor Noah, The Daily Show, 10. November 2017

Fans, ihr müsst jetzt ganz stark sein


So reagierte der Comedian Trevor Noah in der US-amerikanischen Satiresendung The Daily Show auf den Sexismus-Skandal in Hollywood. Unter dem Hashtag “metoo” hatten Betroffene sexueller Gewalt über ihre Erfahrungen getwittert. Dabei kamen tausende anonyme Fälle ans Tageslicht, die auf ein strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem aufmerksam machten.

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Harvey Weinstein, links neben ihm steht "Harvey Weinsteins Karriere: 1979 bis 2017"Unter den weniger anonymen Enthüllungen fanden sich zahlreiche berühmte Namen. Die wohl prominentesten Fälle waren Harvey Weinstein, Kevin Spacey und Louis C.K. Der Tod der Karriere ist hier natürlich überspitzt formuliert. Die Zeit wird zeigen, ob die Karrieren nicht irgendwann doch wieder zum Leben erwachen. Der Wunsch Trevor Noahs jedoch, diese Prominenten selbst lieber tot zu sehen, mag zynisch klingen. Das ist in erster Linie schwarzer Humor, ein gelungener Gag – doch gleichzeitig ist der Ausspruch bemerkenswert ehrlich aus der Sicht eines Fans.

Was passiert, wenn der Künstler für den Fan gestorben ist?

Fans sind nicht sozial mit dem Künstler verknüpft, sondern mit seiner Kunst. Sie lieben nicht ihn, sondern was er erschaffen hat. Stirbt der Künstler, trauert der Fan, weil das Werk beendet ist. Alles, was der Künstler Zeit seines Lebens geschaffen hat, darf munter weiterleben. Was aber passiert, wenn der Künstler für den Fan gestorben ist, weil er etwas komplett Verwerfliches getan hat? Dann ist womöglich sein komplettes Schaffen bedroht, mit der Karriere zu sterben. Tritt also der Sänger der Band Queens Of The Stone Age bei einem Konzert einer Fotografin ins Gesicht, ist das gleichzeitig ein sprichwörtlicher Schlag in die Gesichter aller Fans, die Tritte ins Gesicht verurteilen.

R.I.P. House Of Cards Staffel 1 bis 5 (2012-2017)

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Kevin Spacey, links neben ihm steht "Kevin Spaceys Karriere: 1986 bis 2017"Der Konflikt liegt auf der Hand: Der Fan jubelte dem Künstler jahrelang zu, empfahl ihn weiter und unterstützte ihn sogar finanziell. Plötzlich fühlt es sich falsch an, weil man einen Menschen unterstützte, der womöglich konstant anderen Menschen Schaden zugefügt hat. So ist der Karrieretod für den Fan noch um einiges komplexer.

Da man sich nun irgendwie persönlich damit auseinandersetzen muss, ist es nicht mit einem “R.I.P. David Bowie!” auf Facebook getan. Der Fan kramt im Nachlass herum und verlangt Antworten, die sich die Fans untereinander nicht geben können. Hier kann man sich nicht geeint trauernd in den Armen liegen, denn viele Fans erkennen den Tod nicht an.

Sie stecken in der ersten Trauerphase fest, der Phase des Leugnens. Da stecken sie gut, denn der Künstler ist ja nicht wirklich tot. Wenn er nun auch noch gar nichts falsch gemacht haben sollte, sind doch alle fein raus. Außer die Betroffenen. Wenn das Leugnen noch nicht so ganz hinhauen will, beruft man sich auf das Recht. Es sei kein richterliches Urteil gefallen, heißt es da. Als würde der Fan auch sonst all seine persönlichen Befindlichkeiten in einem Gerichtssaal entscheiden lassen.

Die Unschuldsvermutung ist gut und richtig für rechtsstaatliche Strafverfahren, die persönliche Auseinandersetzung mit einem Künstler findet jedoch woanders statt. In diesem Denkprozess muss das Szenario vorkommen, dass der Beschuldigte der Täter sein könnte. Man kann in Ruhe für sich selbst ein Urteil fällen und der mutmaßliche Täter landet dabei nicht im Gefängnis.

Wenn gar nichts mehr geht: Autor töten

So könnte eine Traueranzeige für Fans aussehen: Das Bild zeigt rechts Louis C.K., links neben ihm steht "Louis C.K.s Karriere: 1989 bis 2017"Wenn der Beschuldigte seine Taten so wie Louis C.K. auch noch offen zugibt, wird es langsam eng. So mancher Fan stammelt sich daraufhin den Tod des Autors herbei, einen Aufsatz von Roland Barthes, der dafür plädiert, den Autor komplett vom Werk zu lösen.

Der Tod des Autors funktioniert natürlich dann am besten, wenn man in Zukunft auch von Aussagen wie “der geniale Regisseur X von dem auch der Film Y stammt” komplett absieht. Wenn man keine Person mehr als Legende, Ikone oder Kultfigur bezeichnet. Und wenn man es überhaupt nicht mehr betrauert, wenn der Autor mal wirklich stirbt. Kurz gesagt: Wir können nicht immer dann schnell den Autor töten, wenn es uns gerade gut in den Kram passt.

Es gibt jenseits des strikten Boykotts keine Lizenz zum guten Gewissen.

Was ist also die Lösung? Wie gehen wir damit um? Die berühmte Frage: Dürfen wir die Werke unserer liebsten Künstler nicht mehr konsumieren, weil die Künstler problematisch sind? Jenseits des strikten Boykotts gibt es kurzfristige Lösungen genauso wenig wie eine Lizenz zum guten Gewissen.

Was können Fans also langfristig tun?

  • Reden ist Gold: Ausgewogen und reflektiert über die Fälle nachzudenken, ist schon einmal viel besser als sie zu leugnen. Wenn man sich immer im Klaren darüber ist, dass derjenige schwere Fehler begangen hat, kann das auf lange Sicht Wirkung zeigen. Fans können es in Gesprächen über die Künstler anmerken, man kann unaufgeregt darüber sprechen. Man stößt die Künstler von ihrem Sockel herunter und lässt ihnen nicht alles durchgehen. So festigt sich ein Bild von Recht und Unrecht, das weiter geht, als auf die Unschuldsvermutung zu pochen. Schweigen ist scheiße, Reden ist Gold.

 

  • Tod des Autors durchziehen: Wenn man schon so sehr auf darauf pocht, den Autor vom Werk zu lösen, könnte man das auch verstärkt durchziehen. Es beflügelt nicht nur die Interpretation, sondern auch den generellen Blick auf die Kunst. Die steht dadurch auf genau dem Sockel, auf dem für manche notorische Namedropper sonst der Künstler steht. Verschwindet der Name hinter der Kunst, verschwindet auch nach und nach die Machtposition des Autors.

 

  • Betroffene schützen: Dass Netflix Kevin Spacey vom Set der sechsten Staffel von House Of Cards entfernt hat, war eine richtige Entscheidung. Es haben mehrere Mitarbeiter Spaceys ausgesagt, dass er auch sie belästigt hat. Da ist die Entscheidung nur konsequent. Nicht um ihn zu bestrafen, sondern um die Betroffenen zu schützen. So ist es wichtig, sie ernst zu nehmen und in den Vordergrund zu rücken. Ihnen pauschal Lug und Trug vorzuwerfen, ist kontraproduktiv. Zusammen mit den ersten Punkten verlieren potenzielle Täter so ihre Machtposition, aus der sie agieren können. Demnach war es auch die richtige Entscheidung von Time Magazine, die Initiatoren der #metoo-Debatte zur kollektiven ‘Person Of The Year’ zu ernennen. Ein Fokus auf die Betroffenen hilft zu verstehen, warum das Problem nicht zu ignorieren ist.

Das Jahr 2017 trägt keine Schuld

Zugegeben, Fans stehen in der Verantwortung, es sich bei solch heiklen Themen ein bisschen schwer zu machen. Nimmt man sich selbst und die Problematik ernst, kann sich auf lange Sicht aber auch einiges ändern. Jeder Fan muss sich dafür individuell mit jedem Fall auseinandersetzen. Er muss die berühmte Linie selbst irgendwo ziehen. Wer bei der Thematik aber immer im Mittelpunkt stehen muss, sind

nicht die Künstler,

die Kunst,

oder die Fans.

Das Bild zeigt Umrissporträts der Frauen auf der "Person Of The Year 2017"-Ausgabe des Time Magazines. Von Links oben nach rechts unten: Ashley Judd, Taylor Swift, Isabel Pascual, Adama Iwu, Susan Fowler, und eine anonyme Person von der nur der Ellenbogen zu sehen ist.

Die Frauen auf dem Time Magazine in der “Person Of The Year 2017”-Ausgabe stehen stellvertretend für “Die Silence Breakers”, die dieses Jahr kollektiv die Auszeichnung erhielten. Von Links oben nach rechts unten: Ashley Judd, Taylor Swift, Isabel Pascual, Adama Iwu, Susan Fowler, und eine anonyme Person von der nur der Ellenbogen zu sehen ist. Weitere infos

Sondern die Betroffenen.

Sie sind ernst zu nehmen. Sie verdienen unser Gehör und unseren Schutz. Man kann ihnen Glauben schenken. Betroffene sind niemals selbst Schuld. Auch das Jahr 2017 trägt keine Schuld, die tragen allein die Täter.