Personenkult in Ready Player One: James Halliday ist doohoof!

James Halliday sei ein großes Genie und ein Gott der Geeks. Auf dem Bild steht in Großbuchstaben "GENIUS." geschrieben

In der Gameswelt ist eine Konstante gewiss: Der Kult um die Schöpfer. Hideo Kojima, Peter Molyneux, Jonathan Blow, Hidetaka Miyazaki. Scheinbar gottgleiche Männer, die diese Welten erschufen, in denen Fans so gerne Zeit verbringen. Der Roman ‘Ready Player One’ hat seinen Heiland in James Halliday gefunden. Spieleentwickler des Spiels ‘OASIS’ und Gott der Nerds. Doch schnell wird klar: Wie alle anderen sogenannten ‘Genies’ ist auch dieses alles andere als unfehlbar. Es ist also Zeit, den selbstverliebten, konservativen Geldsack James Halliday vom Sockel zu stoßen. Dieser Artikel ist keine Rezension. Er nimmt den Roman ‘Ready Player One’ ernster als er es selbst je tun würde und führt auf Grundlage dessen ein Gedankenexperiment durch.

“The more I’d learned about Halliday’s life, the more I’d grown to idolize him. He was a god among geeks, a nerd über-deity on the level of Gygax, Garriott and Gates.”Wade Watts

Die Letzten würden die Ersten sein – der große amerikanische Traum für Geeks

Was hat James Halliday denn geleistet? Er hat zusammen mit seinem Kollegen Ogden Morrow das Unternehmen Gregarious Simulation Systems (GSS) gegründet und die OASIS entwickelt. Das wohl erfolgreichste Spiel aller Zeiten. Dadurch wurde aus GSS das größte Unternehmen und Halliday zum reichsten Mann der Welt. Als Bilderbuch-Nerd mauserte er sich folglich zur größten Inspiration für Spielende weltweit. Aus einer schweren Kindheit könne also einer der mächtigsten Menschen aller Zeiten entwachsen. Die Letzten würden die Ersten sein – der große amerikanische Traum für Geeks. Endlich konnten jene, die seit Jahren Partys mit auswendig gelernten Filmzitaten aufmischen, so richtig im Leben punkten. Was sich als glühende Machtfantasie aufwachsender Jugendlicher manifestiert, ist bei genauerem Hinsehen das Versäumnis einer gesunden Vorbildfunktion.

Oh praise the lord James Halliday

James Hallidays Tod initiiert einen Contest in der OASIS, das gesamte Vermögen ist der Preis. Die volle Kontrolle über die OASIS ist mit inbegriffen. Zwar steckt in Ready Player One die ganze Welt in der Krise und ein Großteil der Bevölkerung ist verarmt. Der reichste Mann der Welt hatte aber zu Lebzeiten keine Ideen, sein Geld für etwas Gutes zu verwenden. Stattdessen haut er es für eine große Sammlung Arcade-Maschinen raus. Und im Endeffekt vererbt James Halliday deinen ganzen Reichtum dem Zufall. Dieser Zufall steht jedoch sehr zugunsten anderer reicher Menschen, wie wir bereits gelernt haben. Natürlich kann er mit seinem Reichtum anstellen, was er will. Doch rechtfertigt das seine fast schon göttliche Vorbildposition?

Wade ginge komplett in seinem Reichtum auf

Interessant ist auch, wie sich Hallidays Vorbild auf seine potenziellen Erben auswirkt. Als Wade Watts mit dem weiblichen Avatar Art3mis ausdiskutiert, was sie mit dem Geld anstellen würden, kommen sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Wade ginge komplett in seinem Reichtum auf, würde sich Luxusgüter en masse kaufen. Art3mis hingegen täte alles dafür, der Allgemeinheit zu helfen. Ein Vorhaben, das Wade eher belächelt. Ist es dagegen nicht eigentlich befremdlich, in einer verarmten, zerstörten Welt von persönlichem Reichtum zu träumen?

Jene reichen alten Männer, die sich kindlich in Nachbauten von popkulturellen Schlössern zurückziehen, sind im gebeutelten Jahr 2044 die Helden der ganzen Welt. Nebenbei verhungert am Stadtrand ein Großteil der Bevölkerung. Das müsste eigentlich eine absurde Vorstellung für jemanden wie Wade sein, der in einem dieser Ghettos lebt. Der persönlicher Traum vom Tellerwäscher zum Millionär ist jedoch wichtiger als das Allgemeinwohl. Der Drang berühmt und mächtig zu werden, überträgt sich von Hallidays auf Wade, der sich im Verlaufe des Contests immer weiter dem Größenwahn hingibt.

Papa Popkultur

Der Contest könnte Kreativität fördern

Der Weg, an das Preisgeld zu kommen, ist dabei besonders perfide. Die Rätsel und Aufgaben sind um das Leben und die Vorlieben von Halliday designt. Unter dem Vorwand, den jungen Spielenden die Perlen der 80er-Jahre nahe zu bringen, zwingt Halliday sie, in unendlicher Fleißarbeit die gleichen Dinge zu konsumieren, zu mögen und auswendig zu lernen. Dabei könnte der Contest Kreativität fördern. Er könnte spielerisch motivieren, Fertigkeiten zu erlernen, die die Welt weiterbringen. Spielende könnten Elektromotoren verbessern, in Simulationen innerhalb der OASIS Lösungen für Wasserknappheit erarbeiten. Sie würden selbst Spiele entwickeln, die einen Lerneffekt hätten und Probleme lösen könnten. Stattdessen ist der Contest ein stumpfes Memory voller auswendig gelernter Zitate aus den 80er-Jahren.

Der schrullige Papa mit dem ausgewaschenen Pink Floyd-Shirt

James Hallidays Fixierung auf die Popkultur der 80er ist obendrein noch ein sehr konservativer und pessimistischer Ansatz. Für Halliday schien das Jahrzehnt trotz schwerer Kindheit die Perfektion erreicht zu haben. In alten Stoffen stecken jedoch auch alte Werte. Eine Fixierung auf die Vergangenheit klammert eine potenziell vielversprechende Gegenwart sowie die Zukunft aus. So scheint es für Halliday undenkbar, dass kurz nach dem Release des Romans das Game Journey (2012) die ganze Videospiellandschaft verzaubert. Dass mit Her (2013) und Arrival (2016) die Speerspitzen des Sci-Fi-Genres frische Gesellschaft erhalten. Dass eine Serie wie Halt & Catch Fire (2014-17) das Leben in der 80er-Jahre viel besser erzählt, als es eine Aneinanderreihung von Popkultur-Zitaten es je vermochte. Halliday ist der schrullige Papa mit dem ausgewaschenen Pink Floyd-Shirt, der ‘dem Sohnemann’ immer mal wieder ‘seine alten Rush-Platten’ aufzwingt. Hach damals, diese schönen Zeiten, als es noch die ‘richtige Gitarrenmusik’ gab.

Latin’s dead, baby. Latin’s dead.

Der Fokus des Contests liegt aber nicht nur auf eingestaubter Popkultur, sondern auch auf James Halliday selbst. Um zu gewinnen, müssen Fans dessen Memoiren mehrfach verschlungen, sein Leben nachempfunden und komplett durchdrungen haben. Dass die Spielenden irgendwann komplett im Personenkult aufgehen, ist daher wenig verwunderlich. Der Fokus auf die Persona Halliday überträgt sich folglich auch auf dessen Jünger. Wade Watts lernt nach seinem Vorbild in der Schule lieber die tote Sprache Latein, um einen Vorteil für den Contest zu erhalten. Jede andere Wahl hätte ihm immerhin die Kommunikation in einer komplett vernetzten Welt erleichtert. Die Memoiren sind Wades Lieblingsbuch und die nie enden wollende Aufgabe seines Lebens, ist die Lieblingspopkultur seiner Vaterfigur James Halliday zu konsumieren.

Doch wie wertvoll kann eine Vaterfigur sein, die nur an ihrem Reichtum gemessen wird? Vielleicht sollten wir in Zukunft viel eher darauf schauen, was unsere sorgfältig gewählten Vorbilder tatsächlich für das Allgemeinwohl geleistet haben, anstatt auf blanke Zahlen und Erfolge zu blicken.

James Halliday sei ein großes Genie und ein Gott der Geeks. Auf dem Bild steht in Großbuchstaben "GENIUS." geschrieben, darum steht in der Schriftart Comic Sans in bunten Farben "wow", "such knowledge", "much creative", "amaze", "very money", "many rich" und "so think" geschrieben

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